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	<title>hallo-welt &amp;laquo; WordPress.com Tag Feed</title>
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	<description>Feed of posts on WordPress.com tagged "hallo-welt"</description>
	<pubDate>Thu, 24 Dec 2009 15:23:50 +0000</pubDate>

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<title><![CDATA[Und Friede auf Erden]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/30/und-friede-auf-erden/</link>
<pubDate>Sun, 29 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„Mir doch egal. Nun machen Sie hier keinen Aufstand, sonst werde ich nämlich mal… Was wollen Sie? si]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„Mir doch egal. Nun machen Sie hier keinen Aufstand, sonst werde ich nämlich mal… Was wollen Sie? sich beschweren? Bei Ihnen piept’s wohl! Glotterbeck, haben Sie das gehört? Er will sich beschweren! Sich beschweren! Na, da wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht noch ein bisschen Spaß haben werden miteinander, Herr Minister…</p>
<p>Natürlich ist das unumgänglich. Ich bitte Sie, wir können doch hier keinen Terroristen mit Schnürsenkeln herumlaufen lassen. Wie bitte? Was sind Sie nicht? Ob Sie Bundesinnenminister sind oder der Kaiser von China, hier in Deutschland sind Sie erst mal Terrorist, Herr de Maizière. Und als solcher können Sie entweder kooperieren – dann sind wir möglicherweise auch nicht ganz so böse mit Ihnen – oder Sie kooperieren eben nicht. Sie werden schon sehen, was Sie davon haben.</p>
<p>Also was, keine Schnürsenkel? Glotterbeck, ziehen Sie ihm die Hose herunter. Nun mal nicht so zaghaft, wenn er sich wehrt, dann weiß er ja, wozu das Gewaltmonopol des Staates da ist. Ach, das hatte Ihnen keiner gesagt? Doch, das gilt noch. Es gibt Dinge, die wir am Grundgesetz doch sehr zu schätzen gelernt haben, Herr de Maizière. Nur, wenn Sie nicht kooperieren, dann werden wir eben andere Saiten aufziehen müssen.</p>
<p>Was soll das denn bedeuten? wir machen Sie erst zum Terroristen? Na, das müssen Sie mir jetzt erklären. Wissen Sie, das alles hier ist doch eine ganz logische Folge aus Handlung und Reaktion. Die einen handeln – wir sind die Reaktion. Ist das denn so schwer zu begreifen? Ach, was sollen denn wieder diese Rechtfertigungsversuche – Sie wissen doch genau, dass das alles nichts bringt. Natürlich müssen wir die Verhältnismäßigkeit beachten. Aber dann gehen Sie mal so eine Straße in der Londoner Vorstadt herunter, da sind so unverhältnismäßig viele Ausländer, da muss man dann verhältnismäßig schnell handeln. Und wenn sich zum Beispiel die Festnahme von einem dieser Subjekte auch nicht vermeiden lässt, weil man seine DNA noch nicht hat… wieso Beweislastumkehr? Die DNA-Probe wird standardisiert bei der Festnahme entnommen, es sei denn, es ist schon eine vorhanden – deshalb muss man ja auch öfter mal einen von ihnen festnehmen, weil man ja einen festnehmen könnte, von dem man noch keine Probe hat, so dass man ihn festnehmen muss, um eine Probe von ihm zu haben, denn dann muss man ihn ja nicht mehr festnehmen, weil man dann eine Probe von ihm hat, wegen der man ihn vielleicht später mal festnehmen kann, verstehen Sie? Es dient alles dem inneren Frieden, Herr Minister. Und jetzt lassen Sie endlich das Gekasper mit dem Gürtel und ziehen Sie Ihre Hose aus.</p>
<p>Soso, ein Kontoauszug. Herr Minister trägt also einen Kontoauszug mit sich in der Hosentasche. Das ist ja mal interessant. Sie haben mit Kreditkarte gezahlt? Wohl, um keine Spuren zu hinterlassen, wie? Aber das wird Ihnen jetzt nichts mehr nützen, Sie sind ertappt. Fünfzig Euro für Süßwaren – Herr de Maizière, für wie blöd halten Sie uns eigentlich? Das ist doch eine versteckte Terrorfinanzierung. Sie unterstützen doch al-Qaida. Machen Sie uns doch nichts vor. Uns doch nicht! Tja, das ist eben die Logik, die Sie in Ihrem Ministerium pflegen, Herr Innenminister. Je mehr Terror Sie um sich herum sehen, desto mehr Überwachung müssen Sie auch durchsetzen. Daran führt nun kein Weg vorbei. Glotterbeck, den Rest.</p>
<p>Jetzt stellen Sie sich mal nicht so an, Herr Minister. Glauben Sie, unsereins hat noch nie einen nackten Mann gesehen? Entwürdigend? Ich bitte Sie, was gibt’s denn da noch groß zu entwürdigen. Sie sind für uns ein Terrorist, und fertig. Außerdem geschieht das hier alles nur zu Ihrem eigenen Schutz. Aber das wissen Sie ja sicher längst.</p>
<p>Natürlich wissen wir, wer Sie sind. Ja, machen Sie. Machen Sie nur, Herr Minister. Meinetwegen können Sie Bundespräsident werden, meinetwegen können Sie Finanzminister werden oder sonst was. Was man so wird, wenn man als Innenminister versagt hat. Beschweren Sie sich, wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient und dem inneren Frieden.</p>
<p>Sie sind kein Terrorist? Weil Sie Minister sind? Wer soll Ihnen denn den Quatsch glauben? und seit wann schließt das eine das andere aus? Ich bitte Sie, mit derlei Spitzfindigkeit können Sie vielleicht Ihre Parteifreunde beeindrucken. Ein Verfassungsrichter will da schon etwas mehr sehen.</p>
<p>Fünfzig Euro für Süßwaren. Meinetwegen, haben Sie halt für Ihre Vorzimmerdamen Konfekt gekauft, das ist uns doch wurst. Ihr Auto ist nur geleast. Sie haben sich ziemlich früh gegen die Schweinegrippe impfen lassen – auffällig früh. <em>Darstellung und rechtliche Würdigung eines verborgenen Vorgehens</em> – kommt Ihnen das bekannt vor? Geheimniskrämerei? Ach Gott, jetzt stellen Sie sich doch nicht dümmer an, als Sie sind. Natürlich ist das alles belanglos, unerheblich, völlig irrelevant. Nur wird der Staatsanwalt, der Sie vor Gericht hat, etwas anderes darin sehen: Puzzleteile in einem Indiziengebäude. Und wenn er dann erfährt, dass Sie ja schließlich schon einmal mit uns zu tun hatten – und man steht ja auch nie so ganz aus Versehen vor Gericht.</p>
<p>Wir haben das verstanden, Herr Innenminister. Wir handeln auch danach. Krieg? Das heißt doch jetzt Verteidigung. Stimmt, das ist das Gegenteil von Angriff. Und wenn Krieg gleich Verteidigung, dann ist Angriff… Sehen Sie, jetzt haben Sie’s auch kapiert. Die Sicherheitspolitik der Bundesregierung dient nur dem inneren Frieden.“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Quo vadis?]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/28/quo-vadis/</link>
<pubDate>Fri, 27 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[Auferstanden aus Ruinen, angestaubt und schwarz verbrannt, ziehn Genossen finstre Mienen, ganz der Z]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Auferstanden aus Ruinen,<br />
angestaubt und schwarz verbrannt,<br />
ziehn Genossen finstre Mienen,<br />
ganz der Zukunft zugewandt.<br />
„Lass uns Dir zum Guten dienen“,<br />
sprechen außer Rand und Band<br />
Vorstandsdamen, Arbeitsbienen –<br />
Deutschland, einig Vaterland.<br />
Alte Not gilt es zu zwingen,<br />
auch wenn der Parteitag weint;<br />
die sich Katzenköpfe fingen,<br />
ja, die zwingen sie vereint.<br />
Denn es muss uns doch gelingen,<br />
(auch wenn noch der Vorstand meint,<br />
andre solln durchs Feuer springen)<br />
dass die Sonne schön wie nie<br />
über Deutschland nicht mehr lacht<br />
sondern sonn- wie werktags scheint.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Spur der Scheine]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/26/spur-der-scheine/</link>
<pubDate>Wed, 25 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[Bradlee atmete auf. Endlich hatte er in Erfahrung gebracht, woher die Heckdiffusoren im neuen Konkur]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Bradlee atmete auf. Endlich hatte er in Erfahrung gebracht, woher die Heckdiffusoren im neuen Konkurrenzmodell kamen. Der Verwendungszweck auf dem Zahlbeleg deutete darauf hin, dass auch andere Karosserieteile aus der Fertigungsstätte bei Magdeburg stammen mussten; völlig überstürzt begab sich ein Spezialkommando der US-amerikanischen Wirtschaftsförderung nach Sachsen-Anhalt. Ein Flüchtigkeitsfehler ließ sie die Seiten auf der Umgebungskarte verwechseln, so dass sie sich an den ungeraden Hausnummern orientierten. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach von einem feigen, unmenschlichen Akt der Barbarei, der das gesamte, teilweise recht, teilweise rechts denkende Volk zutiefst empörte; ein Jugendzentrum mit Napalm zu beschießen grenze schon fast an Unhöflichkeit.</p>
<p>Drei Tage lang betonte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in Interviews, Talkshow-Auftritten und Hearings zur Vorratsdatenspeicherung, sie wolle ihr politisches Schicksal von der SWIFT-Gesetzgebung der Europäischen Union abhängig machen. Danach rückten Sportberichte und die Wettervorhersage wieder in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Die Freidemokraten bemühten sich indes um Disziplin; während sie öffentlich dem Verhalten de Maizières attestierten, zu einer Störung des Koalitionsklimas beizutragen, schossen sie sich hinter den Kulissen darauf ein, Mieter- und Kündigungsschutz schnell und unbürokratisch zum Wohle des deutschen Volkes auszuhebeln.</p>
<p>Die Presse griff begierig den Fall des Hassan F. (22) auf. Der Student wurde von <em>BILD</em> beschuldigt, regelmäßige Geldzahlungen aus dem Ausland zu erhalten. Die verdachtsunabhängige Kontrolle seines Telefonanschlusses ergab, dass F. einen Telefonanschluss besaß – damit war alles möglich. <em>BILD</em> handelte umgehend.</p>
<p>Natürlich hob die FDP erneut hervor, dass sämtliche Bestrebungen, die Bürgerrechte in Deutschland zu verteidigen, auch und gerade unter verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten diskutiert werden müssten. Der Bundesaußenminister sah hier noch unerledigte Konten. Die Bundestagsfraktion sprach sich in einer nicht öffentlichen Sitzung für effektiven Rechtsschutz und klare Regeln zur Datenweitergabe an Drittstaaten aus; die Arbeiter und Angestellten müssten effektiver als je zuvor vor dem Recht geschützt werden, eine klare Regelung sei bereits erzielt: eine Datenweitergabe erfolge ab sofort ausschließlich an Drittstaaten.</p>
<p>Wie das Bundeskriminalamt ermittelte, erhielt F. seine Halbwaisenrente nach wie vor aus Österreich. Er schloss just das Grundstudium der evangelischen Theologie mit dem Graecum ab. Eine in seinem Wohnheimzimmer konfiszierte Grammatik des Hebräischen sowie die Seminararbeit über den Status constructus in den semitischen Sprachen führte dazu, dass die Boulevardzeitungen erneut das ungesunde Volksempfinden aufwiegelten. Es war Schlimmeres zu befürchten.</p>
<p>Das Gespräch zwischen Bradlee und Weissenburgh war geprägt vom Geist konstruktiver Zusammenarbeit. Die Wirtschaftsnation USA, so pragmatisch sie sich auch den Freunden im Nahen Osten schon gezeigt hatte, sah keinen anderen Ausweg, als die ganze Welt zu demokratischen Idealen zu befreien, notfalls mit Gewalt. Der hessische Landesverband der CDU stand unter Schock. Gleich ein Dutzend hochrangiger Politiker hatte man bei Fulda aus dem Gleisbett gekratzt. Die aus Wiesbaden, Pullach und Neugier herbeigeeilten Beamten analysierten die in englischer Sprache abgefassten Abschiedsbriefe und gaben bekannt, es müsse sich um islamistische Terroristen gehandelt haben, die bereits sehr lange als Schläfer gelebt haben dürften, da ihre Sprache gewisse Einflüsse des Amerikanischen zeigte. Das Briefpapier einer Hotelkette aus Colorado sei eine nicht geschickt genug inszenierte Täuschung gewesen.</p>
<p>Eine Resolution des EU-Parlaments stellte fest, dass die notwendigen Datenschutzgarantien im Zusammenhang mit der gemeinsamen Nutzung und Weitergabe von Daten zur Terrorismusbekämpfung nur noch auf dem Papier bestünden. Der Gesandte der USA beglückwünschte die Abgeordneten; er freute sich, dass die Volksvertreter so schnell ein Gespür für die Wirklichkeit entwickelt hätten.</p>
<p>Dessen ungeachtet titelte <em>BILD</em> bereits einen Tag später: <em>Wovon zahlt so ein Mordgeselle eigentlich seine Luxusmiete?</em> F.s Auto wurde in Brand gesetzt. Noch am selben Tag wurde er, trotz seines aus Kärnten stammenden Vaters deutscher Staatsangehöriger, als Risiko für die innere Sicherheit verhaftet. Der Brandanschlag hätte fast eine Litfaßsäule beschädigt.</p>
<p>Leutheusser-Schnarrenberger widersprach drei Tage lang heftig den Anschuldigungen, die Liberalen seien kurz nach der Bundestagswahl wieder umgefallen. In mehreren Interviews und Fernseherscheinungen pochte sie darauf, dass die FDP nie zuvor gerade gestanden habe.</p>
<p>Doch als am folgenden Tag ein Dutzend hochrangiger Bankvorstände erhängt in ihren Arbeitszimmern aufgefunden wurden, war sogar Washington nachhaltig verstört. Er habe das nicht in Auftrag gegeben, teilte Präsident Obama mit. Noch nicht.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Kalter Kaffee]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/25/kalter-kaffee/</link>
<pubDate>Tue, 24 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[Anne fuhr sich hektisch durchs Haar. „Ich wusste ja nicht, ob Du überhaupt zu Hause bist!“ „Wenn der]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Anne fuhr sich hektisch durchs Haar. „Ich wusste ja nicht, ob Du überhaupt zu Hause bist!“ „Wenn der Telefonanschluss eine halbe Stunde lang besetzt ist“, erklärte ich ihr geduldig, „dann ist die Wahrscheinlichkeit entsprechend hoch, dass ich derweil in meiner Wohnung bin und telefoniere – tagsüber soll das ab und an passieren. Du hättest also ein Fax schicken, mir auf die Nachrichtenbox sprechen oder mich auf dem Mobiltelefon anrufen können, wenn Du es hättest wissen wollen.“ Sie verteidigte sich. „Aber es hätte ja durchaus sein können, dass Du den Hörer daneben gelegt hast.“ „Und das lässt Dich sofort darauf schließen, dass ich danach auch die Wohnung verlassen habe?“ Da stampfte Anne mit dem Fuß auf den Boden. „Weil Deine Eifersucht einfach kindisch ist!“</p>
<p>Ich konnte mich dem Argument nicht entziehen; Max Hülsenbeck, der schmierige, unrasierte Typ, der bereits die dritte Kippe im Spülbecken ihrer Nichtraucherküche ausdrückte, wurde zwar erst alarmiert, als ich nicht greifbar war, doch war das ein Grund, nicht eifersüchtig zu sein? Wo doch Anne mich gegenüber Hülsenbeck zunächst nur als Verlobten und dann erst als Vater ihrer zukünftigen Kinder ausgegeben hatte, während er unermüdlich versuchte, sie in Lokale einzuladen, in denen er sich noch blicken lassen konnte. Jetzt aber stand der Staatsanwalt, erkennbar schon an seinem schwarzen Sportwagen mit dem <em>MH</em> auf dem Nummernschild, vor der Anrichte und begutachtete die Kaffeemaschine mit dem geschulten Blick eines Ignoranten. „Sie zischt noch ein bisschen“, gab Anne zur Auskunft an, „aber es kommt dann kein Wasser mehr.“ „Wann hattest Du sie zum letzten Mal entkalkt?“ Max, der alles Wissende, kam ihr zuvor. „Dieses Modell muss gar nicht entkalkt werden“, teilte er im Brustton der Überzeugung mit, „das weiß ja jeder Anfänger!“ „Richtig“, wandte ich mich an Anne. „Genau deshalb hat’s ja auch diesen sündhaft teuren Original-Entkalker, den man ausschließlich für dieses Modell einsetzen darf.“ Mit säuerlicher Miene schmiss er die Bedienungsanleitung auf den Küchentisch und drehte den Brühapparat um sämtliche Achsen. „Es kann sich eigentlich nur um das Rückschlagventil handeln.“ Mit gespielter Begeisterung klatschte ich in die Hände. „Nein, wie begabt!“ Völlig überrascht blickte mich Hülsenspeck an. „Wie man durchs Gehäuse erkennen kann, dass dieses Ding über ein Rückschlagventil verfügt – sagenhaft!“</p>
<p>Ein Klingeln an der Etagentür unterbrach das thermoelektrische Fachkolloquium; Anne verließ das Operationsgebiet, um zwei adrett gekleideten Hausierern Auskunft zu erteilen, was sie im Falle eines plötzlichen Weltuntergangs täte, während Hülsenschreck mir die genaue Funktionsweise einer Membranpumpe erklärte – allerdings verwechselte er die Dampfmaschinerie mit einer Mammutpumpe und unterschlug den Thermostaten in seiner Konstruktion. Er musste ein Schüler des seligen Professor Bömmel gewesen sein.</p>
<p>Anne war schon wieder auf dem Weg in die Küche, da packte mich ihr Galan plötzlich am Kragen. „Pass gut auf, Du Klugscheißer“, zischte er, „diesmal vermasselst Du mir nicht die Tour – versuch es am besten gar nicht erst, sonst…“ „… könnte natürlich § 437 BGB nicht in Anwendung kommen durch unsachgemäßen Einsatz eines Schraubendrehers! Ach ja, wie gut ist es doch, wenn man sich als Jurist mit der Mängelhaftung auskennt, nicht wahr?“ Und ich drückte ihm mit maliziösem Lächeln das große japanische Hackmesser in die Hand. Er schluckte trocken.</p>
<p>„Habt Ihr’s denn gleich?“ Anne war sichtlich unruhig – verständlich, wenn man seit fast zwei Stunden auf den Beinen ist und noch keinen Kaffee bekommen hat. Max, der Staatsanwalt, ermittelte inzwischen auf Messers Schneide; er fuhrwerkte mit der Klinge am Boden der Kaffeemaschine entlang und versuchte, das Gehäuse zu öffnen. Unter dem unmerklich leise knacksenden Geräusch einiger abplatzender Teile gelang ihm dies auch, wie ich feststellte. Sein leerer Blick irrte zwischen den Leitungen des Siedegeräts. „Die blaue Litze hier könnte über den Kaltleiterwiderstand laufen – aber der weiße Draht hier?“ Möglicherweise hatte er mehr Ahnung von elektrischen Bauelementen, als mir lieb war, aber sollte mich das kümmern? Ich fasste Anne vertraulich um die Schultern. „Dein strammer Max bezieht seine Allgemeinbildung vermutlich eher aus den billigen Gangsterfilmen, in denen Höllenmaschinen nur rote und grüne Drähte haben.“ Dabei rutschte ihm das Messer ab, das eine längere Kratzspur auf der Anrichte hinterließ. Anne ging in leichte Vibration über.</p>
<p>Der Widerstands-Kämpfer war entschlossen, zwei Baugruppen kurzzuschließen – wahrscheinlich hatte er gerade Tunneldioden um einen Glimmerkondensator ausfindig gemacht – als ich wie zufällig auf die Uhr sah. „Jetzt muss ich aber wirklich“, verkündete ich, „die Kunden aus Tokio werden bestimmt nicht auf mich warten.“ Das leise Schnarren ignorierte ich; kurz vor der Haustür wurde das Brummgeräusch zum gellenden Pfeifen, das nach einigen Sekunden in einen schmatzenden Detonationssound mündete – offenbar hatte Mad Max die Forschung um die Rekonstruktion des Urknalls um eine Facette bereichert. Fröhlich pfeifend betrat ich die Straße. Eine geschmacklose Blumenvase segelte aus der Höhe direkt auf den Sportwagen auf dem Gehsteig. Ich würde mich beeilen müssen; nicht auszudenken, wenn Anne mich jetzt anriefe, um sich bei mir auf einen Kaffee einzuladen, und ich wäre nicht zu Hause.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Der Teufel ist ein Eichhörnchen]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/24/der-teufel-ist-ein-eichhornchen/</link>
<pubDate>Mon, 23 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„Komm schon“, flehte ich, „sprich zu mir! Sag etwas! Lass mich jetzt nicht im Stich!“ Doch das klein]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„Komm schon“, flehte ich, „sprich zu mir! Sag etwas! Lass mich jetzt nicht im Stich!“ Doch das kleine Ding in meiner Hand ließ sich davon gar nicht beeindrucken. Es verstarb. So saß ich plötzlich da, einen Klumpen sinnlosen Plastikmülls vor mir, und ärgerte mich, dass mein Mobiltelefon ausgerechnet an einem Nachmittag um kurz vor fünf den Geist aufgeben musste.</p>
<p>„Die Kamera hat nur zehn Megapixel“, teilte mir der freundliche Verkäufer im Telefonladen mit, „aber ansonsten kann man dies Gerät durchaus empfehlen. Siebenstimmige Klingeltöne, Radio, Flugmodus, Videoanruf, Blitzlicht mit Multifunktionsvorwahl, Touchtasten, also alles drin, wenn Sie mich fragen.“ Ich fragte ihn, allerdings wollte ich wissen, wie man mit dem Telefon telefoniert. „Es müsste irgendwo so eine Online-Bedienungsanleitung haben. Sie müssen es bloß anschalten und können nachschauen, wie man es anschaltet.“ Das nächste Modell war unerheblich größer, dafür etwas flacher und doppelt so schwer. „Aber Sie können natürlich nicht nur Videos ansehen, sondern auch aufnehmen. Wenn Sie mit dem Internet verbunden sind und gleichzeitig die Freisprecheinrichtung auf Bluetooth umstellen.“</p>
<p>Wie gut, dass Jonas just in diesem Augenblick vor der Schaufensterscheibe stand und aufmerksam in die Auslage des Geschäfts blickte. Ich winkte ihn heran; kaum eine Viertelstunde später hatte er mich bemerkt und den Laden betreten. „Du musst mir unbedingt helfen“, bat ich, „ich kenne mich überhaupt nicht aus und muss mir ein neues Telefon kaufen. Mach was!“ Der beste Freund lächelte. „Kein Problem“, versicherte er. „Ich werde Dir mit Rat und Tat zur Seite stehen.“ Und wandte sich an den Verkäufer: „Haben Sie noch irgendwelchen Billigscheiß im Keller?“</p>
<p>Sekunden später hatte der Sprechgerätewart eine Reihe abgrundtief hässlicher Objekte unter dem Ladentisch hervorgezogen. „Das hier ist die Vorjahreskollektion“, informierte er uns, „natürlich zum halben Preis für Sie – wenn Sie auf einen gewissen Luxus und die technischen Selbstverständlichkeiten der Gegenwart also keinen Wert legen sollten, dann wäre vielleicht etwas für Sie darunter.“ Jonas klappte hier und da einen der Plapperate auf. „Haben Sie das SVG-21-HMTK-II vielleicht auch in Trendpink mit Strass?“ Ich stieß ihm die Faust in den Rücken. „Bist Du bescheuert? Was soll ich mit einem Mädchenhandy?“ „Klappe“, zischte er zurück, „das ist die Sex-and-the-City-Sonderausgabe mit dicker Speichererweiterung für sinnlose Videos und Klingeltöne – einmal mit dem Filzstift schwarz anmalen und fertig ist die Laube!“ „Ich will das aber nicht!“ Er stöhnte auf. „Meine Güte, es ist kostenlos! Dafür hat es natürlich auch nur eingeschränkte Office-Funktionen und keinen programmierbaren Vibrationsalarm.“ „Bei einem Modell für die Damen“, monierte ich, „hätte ich zumindest das erwartet. Nicht mit mir. Da geht doch wohl hoffentlich mehr.“</p>
<p>„Wir hätten da noch ein P-200 in Altsilber“, brachte sich der Fernsprechhändler in Erinnerung. „Das hat aber nur Infrarot und keinen Touchscreen. Und der SMS-Speicher ist auch auf 3000 begrenzt, wenn ich mich richtig erinnere.“ „Auf 5000“, empörte sich der Verkäufer. „Und Sie können sogar Klingeltöne in CD-Qualität abspeichern, wenn Sie die Speicherkarte durch eine größere Erweiterung ersetzen!“ Da fiel mein Blick auf das Plakat an der Tür. „Sie überlegen sich“, stand auf der Affiche, „um dieses Telefon kaufen, oder Sie schon eine haben, aber das Gefühl von ihm langweilig?“ Ich fühlte mich spontan als Kunde angesprochen – endlich ein sinnloses Wort.</p>
<p>„Ich will“, forderte ich mit Nachdruck in der Stimme, „ein Telefon, mit dem ich Bügeln, Kunst und Aufwachen verbinden kann.“ Der verworrene Anschlag hatte mich in letzter Sekunde gerettet. „Wie wäre es mit einem SK-401E?“ Der Verkäufer hatte ein bläulich schimmerndes Aluminiumteil aus der Schublade gezogen. „Immerhin hat es einen integrierten Wecker und zwei Videospiele.“ Er fuhr sich mit dem Finger unter dem Kragen entlang. „Wenn Sie die Ausgabe mit dem rosa Klappcover nehmen, bekommen Sie auch gratis ein Jahresabo mit Froschklingeltönen. Oder was hatten Sie noch mal mit Kunst gemeint?“ „Ich will bügeln“, maulte ich. Jonas kratzte sich am Kopf. „Haben Sie denn gar kein idiotensicheres Handy?“ Da strahlte der Verkäufer. „Warum sagen Sie das nicht gleich?“ Und er zog ein CSU-009 aus der Schublade. Modell <em>Oachkatzlschwoaf</em> in Blau-Weiß. Ich tippte mich umständlich durchs Menü. „Sie sollten als erstes die Sprachauswahl anpassen“, riet mir der Handyhausierer. <em>Ståd-Såizburgarisch</em> las ich, und: <em>Westlichs Nordboarisch (Owerpfoiz)</em>. Aber das Gerät konnte nichts, lag in der Hand wie ein Riegel Gussbeton und gab mir das beruhigende Gefühl, dass sich nun nichts mehr ändern würde in meinem Leben. Jedenfalls nicht so schnell. Jonas beäugte das Gerät kritisch. „Das dudelt beim Ausschalten bestimmt die Bayernhymne“, mutmaßte er. Ich drückte den roten Knopf und lauschte, wie die zuversichtliche Stimme von Horst Seehofer ertönte. „Morgen werde ich ganz bestimmt zurücktreten!“ „Das nehme ich“, beschloss ich. „Es hätte allerdings einen kleinen Nachteil. Der Teufel im Detail.“ Der Verkäufer druckste etwas herum. „Beim Modell CSU-009 spricht immer nur einer. Sie kriegen nichts mit. Erst ganz zum Schluss, aber dann ist es zu spät. Da zerlegt sich das Ding in seine Bestandteile.“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Non scholæ]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/23/non-schol%c3%a6/</link>
<pubDate>Sun, 22 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„Es ist unglaublich. Unglaublich! Ich meine, was bilden die sich denn dabei ein? Wir sind doch hier ]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„Es ist unglaublich. Unglaublich! Ich meine, was bilden die sich denn dabei ein? Wir sind doch hier nicht im Kral! Wenn wir jetzt bei jeder kleinen Befindlichkeit unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung gleich in Frage stellen würden, wo kämen wir denn da hin? Ich frage Sie: wo kämen wir denn da hin?“ „Jetzt regen Sie sich doch nicht gleich so auf, Herr Ministerialdirektor. Das hatte natürlich alles seine Gründe, und Sie müssen zugeben, dass diese Entwicklung auch nicht…“ „Entwicklung? Das Pack hat doch angefangen! Die haben doch zuerst – ich meine, wer Flugblätter verteilt, der schmeißt doch auch Bomben, oder?“</p>
<p>„Herr Ministerialdirektor, ein paar Dinge sollten Sie aber schon etwas differenzierter betrachten. Das Grundrecht auf…“ „Die haben keine Grundrechte, die sollen gefälligst gehorchen, so, wie wir in den schwersten Stunden unseres Vaterlandes auch gehorcht haben! Das kann doch alles nicht wahr sein! Diese vaterlandslosen Gesellen, die wollen doch nur den Krieg! Den Krieg wollen die, und den werden sie jetzt auch bekommen, wenn Sie mich fragen!“ „Herr Ministerialdirektor, es fragt Sie aber keiner. Und außerdem lassen Sie sich mal gesagt sein, dass Sie als Beamter auch nicht über dem Grundgesetz stehen – Sie haben sich genauso an die Verfassung zu halten wie…“ „Wie dieses Pack, das da unser Land kaputt machen will? Das wäre ja noch schöner! Hier Flugblätter und Bomben schmeißen und dann jammern, wenn’s mal hart auf hart kommt. Feiglinge sind das! Drückeberger! Mit solchen Memmen hätten wir den Krieg erst recht verloren, Schmitt! Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Verhältnismäßigkeit und solchem Gedöns – das ist elende Jammerlapperei, dass dieses Gesindel dann nach dem Staat ruft und nach gerechten Richtern und Staatsanwalt und Polizei und will noch einen Bewährungshelfer haben und keine Folter im Knast und warme Suppe und…“ „Jetzt übertreiben Sie aber! In einem Rechtsstaat…“ „Ach was, Rechtsstaat, ich will Ihnen mal was sagen, Schmitt: daran sind wieder nur die Studenten Schuld! Sollte man abschaffen, diese ganze Brut! Haben wir seinerzeit gejammert, Schmitt? haben wir damals gefordert, dass wir uns die Welt machen dürfen, wie sie uns gefällt? Uns? Schmitt, haben Sie das etwa so in Erinnerung?“ „Darum geht es doch gar nicht, Herr Ministerialdirektor. Das System ist der Knackpunkt. Das muss man überdenken.“</p>
<p>„Na, erzählen Sie mal – Sie glauben tatsächlich, dass das System an allem Schuld sei? Das können Sie doch Ihrem Großvater erzählen!“ „Das System mag nicht der Fehler sein, Herr Ministerialdirektor, aber es hat zu viele Fehler; insbesondere den, dass es Fehler begünstigt, statt gerecht zu sein.“ „Gerecht, gerecht – Mann Gottes, wenn ich das schon höre! Gerechtigkeit! Das definiert sowieso jeder anders, also gehen Sie mir nicht mit ihrer sozialistischen Gleichmacherei auf die Nerven, Schmitt!“ „Keiner will Gleichmacherei, nur dieses System muss sich auch gegen seine eigenen Fehler verteidigen können.“ „Sage ich doch, verteidigen! Verteidigen, Schmitt – dieses ganze Pack macht doch alles kaputt und will dafür auch noch belohnt werden! Die sollen erst mal etwas Anständiges leisten, statt nur die Füße unter unseren Tisch zu stecken!“ „Aber erlauben Sie mal, Herr…“ „Das ist doch so, Schmitt! Jeder dahergelaufene Laffe meint, er könne uns kritisieren, uns! die wir jahrzehntelang für diese Gesellschaft…“ „Jetzt überlegen Sie mal: sie waren noch doch viel zu jung, um überhaupt schon…“ „Ach was, Schmitt – Ausflüchte! alles Ausflüchte, um nichts unternehmen zu müssen! Das sind doch die Drückeberger hier, auf der faulen Haut liegen sie und uns auf den Taschen – und dann wollen sie selbstbestimmt sein. Selbstbestimmt, das könnte denen so passen! Wenn sie alles besser wissen, dann können sie doch gleich… ich meine, dass sich das so entwickeln würde – hätte doch kein Mensch im Leben ahnen können. Aber es war ja auch nicht alles schlecht damals, nicht alles!“</p>
<p>„Wollen Sie jetzt ernsthaft behaupten, Herr Ministerialdirektor, dass unser demokratischer Rechtsstaat…“ „Ach was, Demokratie kann keiner fressen! Was braucht denn die Volksgemeinschaft? Genau, Ruhe und Ordnung! Ordnung! Das sind doch die Rädelsführer, wenn das ganze Volk jetzt durchdreht! Schmitt, haben Sie das denn schon vergessen? den Aufstand? 1953? Das haben wir Jahre, das haben wir Jahrzehnte gefeiert, und das soll jetzt alles vergessen sein?“ „Wo sehen Sie denn einen Volksaufstand, Herr Ministerialdirektor?“ „Der kommt noch, Schmitt, kommt noch, wenn wir nicht schleunigst die Rädelsführer dingfest machen – man muss die Aufrührer ausfindig machen und dann für innere Sicherheit sorgen. Das kann sich doch der Staat nicht gefallen lassen! Da muss man eben durchgreifen, da muss der Staat Härte zeigen. Härte, sage ich! Das wäre ja noch schöner, wenn hier jeder, und das sage ich ausdrücklich, weil ich die Zeit erlebt habe…“ „Herr Ministerialdirektor!“ „… erlebt habe, Schmitt, aber das hat es doch nicht gegeben – und wenn diese Aufrührer nicht hören wollen, dass werden sie’s eben fühlen! Wir lassen uns von dem Pack nicht auf der Nase herumtanzen, und auch, wenn es keine Arbeitslager mehr gibt, dieses linke Gesindel sollte man…“ „Das geht entschieden zu weit, Herr Ministerialdirektor! Auch wenn Sie die Rote Armee Fraktion verurteilen, in einem Rechtsstaat…“ „Wer redet denn hier von der RAF? Ich meine diese ungezogenen  Schüler, die jetzt sogar schon streiken – die sollen sich lieber mal auf den Hosenboden setzen und etwas Anständiges lernen!“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Polnische Suppe]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/19/polnische-suppe/</link>
<pubDate>Wed, 18 Nov 2009 23:00:09 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„Nein, kommen Sie ruhig herein. Wir bauen zwar gerade mal wieder um, aber davon brauchen Sie sich ni]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„Nein, kommen Sie ruhig herein. Wir bauen zwar gerade mal wieder um, aber davon brauchen Sie sich nicht stören zu lassen. Treten Sie nur nicht unbedingt in die Pfützen. Das braune Zeugs kriegen Sie nie wieder von den Schuhsohlen.</p>
<p>Das? Das sind die Kisten von Frau Steinbach. Wird diese Woche noch abgeholt. Ja, wir gehen davon aus. Natürlich hat man uns noch keinen genauen Termin genannt. Aber das wird schon werden. Bis jetzt haben sie es ja auch sehr gut ohne eine Chefin hinbekommen. Wenn das Schule machen würde… Da haben Sie Recht, in der CDU ist das allerdings nichts Neues.</p>
<p>Aber ja doch! Das ist eine historisch durchaus wichtige Aufgabe. Wir arbeiten ja seit Jahren daran, die Geschichte des 20. Jahrhunderts einmal objektiv zu durchleuchten und die vielen Befindlichkeiten unter einen Hut zu bekommen. Endlich mal wieder einen wirklich sinnvollen Dialog führen können mit unseren europäischen Nachbarn, wäre das nicht wunderbar? Was uns davon abhält? Lassen Sie mich überlegen – die europäischen Nachbarn? Oder dass längst keiner mehr weiß, was ein Dialog ist?</p>
<p>Das da wird unsere neue Rathenau-Ausstellung. Schauen Sie mal – Originalkostüme! Hübsch, nicht wahr? Ja, ganz schön teuer. Man muss das ja schließlich gut versichern. Schauen Sie, in dem Stresemann hat damals… Sie, die Stellwand da hinten hin! Neben die Tafeln mit… wie heißt er noch… der Typ, der sich für Westerwelle hält…</p>
<p>Ja Herrgott, dann hat sie eben nicht für die deutsch-polnische Grenze gestimmt. Haben Sie eine Ahnung, wie viele nationalistische Wirrköpfe im Sejm das auch nicht getan haben? Sie denken doch nicht, da drüben sei jetzt auf einmal die große, europabegeisterte Demokratiewelle über das Land hereingebrochen? Ach wo! Wir werden doch hier keinen internationalen Konflikt heraufbeschwören. Dazu sehen wir einander doch auch viel zu ähnlich. In Deutschland sind es revanchistische Dummköpfe und Neonazis, in Polen eben Neonazis und revanchistische Dummköpfe. Wundert es Sie? dass man Pole <em>und</em> Revisionist sein kann?</p>
<p>Wo wir gerade beim Sejm waren, nehmen Sie sich ein Beispiel an der Polnischen Partei der Bier-Freunde. Die verfolgt zwei Ziele: die Brauereien zu stärken – und den Alkoholkonsum abzuschaffen. Und mit dieser Logik wollen Sie Europapolitik machen? Das ist nicht Ihr Ernst!</p>
<p>Ich weiß ja auch nicht, warum sich der Westerwelle da hinstellt, freiwillig übrigens, es hat ihn keiner gezwungen, das wird er erst in ein paar Jahren behaupten, dass er sich da also hinstellt und dann sagt: ‚Das hier ist Deutschland.‘ Ich weiß ja auch nicht, was das bedeuten sollte. Vielleicht, dass er sich in alles einmischt, wovon er keine Ahnung hat? oder dass er schon Deutschland ist und damit Deutschland auch so eine Chimäre wird wie er, der schwatzt und keine eigene Meinung hat? Das müssen Sie doch aber sagen, eine eigene Meinung hat doch der Westerwelle nicht, der ist doch eine Sprechpuppe der Industrie, und da musste er sich in seinem neuen Amt gar nicht groß… Sie, nicht zu weit nach rechts damit, ich muss das nachher wieder wegtragen! Meinetwegen, stellen Sie’s an die Wand. Ich kümmere mich später darum.</p>
<p>Es ist doch merkwürdig. Väterchen Stalin griff begierig in den großen vaterländischen Krieg ein und radierte ein schönes Stückchen Osteuropa von der Landkarte, um die Grenze ein bisschen kürzer zu machen und nach dem Kriege den Ostblock besser unter Kontrolle zu haben. Die polnische Exilregierung hat diese Vertreibungen entschieden gefordert; die tschechoslowakische übrigens auch. Beschwert sich jemand heute bei den Russen? beispielsweise die Nachfahren der Polen, die bei der Befreiung durch die Rote Armee gleich mit umgesiedelt wurden?</p>
<p>Und letzte Woche hatten wir Sudetendeutsche hier. Nachwuchskräfte, verstehen Sie? Frisch von der Schulbank, noch nichts vom Leben gesehen. Und wie sie gegen die Polen waren! Am liebsten hätten sie Polen gleich wieder annektiert, für ihre Heimat, die sie nie gesehen haben.</p>
<p>Ist das nicht schreiend komisch? Eine Funktionärin, die sich auf Kosten des Außenministers profiliert, der sich auf Kosten von Vertriebenen profiliert, die sich profilieren, weil es sie nichts kostet. Ganz großartig. Hoffen wir, dass die Kanzlerin nicht zu schnell das Spiel beendet.</p>
<p>Der Stiftungsbeirat? Bisher sind da keine sichtbaren Zeichen. Gegen Vertreibungen? Warum nennt man es nicht gleich offiziell <em>Zentrum für Verdrängung</em>, das wäre mal überraschend ehrlich. Und wenn sich dann auch noch die Herren Beckstein und Schäuble zur Integration der Vertriebenen sowie ihrer gesellschaftlichen Rezeption in der Bundesrepublik Deutschland nach den mit Hilfe von deutschem Kapital in besondere, fast kriegsähnliche Situationen überführten Heimatländern einbringen könnten, dann hätten wir etwas, das an historische Aufarbeitung grenzte. Ach was, die wird den Mund halten. Schließlich will sie es sich mit den paar richtigen Nazis in ihrer Partei nicht ganz verscherzen.</p>
<p>Bitte hier herüber, nebenan wird gerade der Balkankonflikt schöngeredet. Ja, Herr Stoiber wird eine schöne Eröffnungsrede halten. Er wird auch nachweisen, dass Srebrenica gar nicht so schlimm war. Und das ist für unseren Workshop. Die Leute haben schon mal ihre Transparente mitgebracht. <em>1800 Jahre Vertreibung reichen – die Landsmannschaft der Ostgoten fordert: Die Ukraine ist unser!</em>“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Shopschwerenot]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/18/shopschwerenot/</link>
<pubDate>Tue, 17 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[Kornmöller zupfte an den silbernen Girlanden, die wie überdimensionales Lametta im Tannengrün klebte]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Kornmöller zupfte an den silbernen Girlanden, die wie überdimensionales Lametta im Tannengrün klebten; der Budenzauber sah aus wie die Bad-Salzschlirf-Variante einer Las-Vegas-Dekoration, bunt, glitzernd und penetrant. Er beugte sich zu mir herunter. „Und, wie finden Sie’s?“ Ich teilte ihm mit, dass mein Magendurchbruch unmittelbar bevorstünde. „Wunderbar“, jubilierte Kornmöller, „wenn Sie es nicht ausstehen können, werden die anderen Kunden es lieben!“</p>
<p>Der kleine Karren an der Seite des Korridors war mir schon zuvor zwischen den weihnachtlichen Versatzstücken aufgefallen. Ob es sich um einen umgebauten Golfwagen handelte? „Ganz recht“, bestätigte der Geschäftsführer der <em>Superkauf</em>-Passage, „wir nehmen Carts dafür. Die Windschutzscheibe haben wir natürlich komplett umgebaut, wie Sie sehen.“ Ich riskierte einen Blick. Tatsächlich, das Flachglas war einem Plasmabildschirm gewichen. „Damit werden wir die Umsatzrekorde brechen“, jauchzte Kornmöller. „Wir werden das ganze Weihnachtsgeschäft revolutionieren mit unserem total neuartigen, kundenfreundlichen Shopping-Angebot. Es wird einfach grandios sein!“ Mir schwante Schlimmes; ausgehend von den schauderhaften Adventsdekors in Kunststoffspritzguss sah ich goldbeflitterte Engel Haushaltswaren anpreisen, leicht bekleidete Damen im Autozubehör und jede Menge Nikoläuse im Spielwarenbereich. Mein geistiges Auge tränte ergriffen. Doch Kornmöller wischte das alles mit einer Handbewegung fort. „Das alles war gestern! Wenn Sie heute noch jemanden erreichen wollen, müssen Sie mit der Zeit gehen und ein völlig neues Einkaufsgefühl kommunizieren – Shopping wie im Internet!“ „Soso“, antwortete ich mokant, „wie im Internet. Ich kann die Ware nicht anfassen, das Produkt sieht so ähnlich aus wie das Symbolfoto, die Ware ist nicht lieferbar, da noch nicht hergestellt oder noch nicht auf Lager, und zu guter Letzt bin ich einem Betrüger aufgesessen?“ „Quatsch“, schnaubte er, „alles billige Vorurteile! Setzen Sie sich, ich zeige es Ihnen!“</p>
<p>Wir bestiegen den Einkaufs-Wagen. Kaum saß ich in auf der unbequemen Bank, begrüßte mich die leiernde Stimme meiner virtuellen Ladenhüterin. „Herzlich willkommen bei Ihrem persönlichen Einkaufsbummel Sie werden jetzt im Menü die einzelnen Abteilungen sehen wenn Sie eine Abteilung auf dem Touchscreen berühren halten wir an.“ „Sehr praktisch“, befand ich, „mehrere Abteilungen, und ich darf mich frei entscheiden – revolutionär!“ Kornmöller musste den leisen Spott in meiner Stimme überhört haben, jedenfalls fragte er sofort nach. „Sie sagten doch vorhin, dass Sie eine Krawatte und neue Schuhe bräuchten.“ Er tippte auf die Schuhabteilung. Bilder zischten über den Schirm. Die Stimme hub wieder an zu leiern. „Der Vacuumat Z-3000 ist die völlig neue Synthese aus Sandstein und schonend feuervergoldeter Schafschurwolle mit 30% Majoran er setzt Maßstäbe dank seiner enormen Strahlungssicherheit bei gleichzeitig vollverzinkter, kalorienarmer Beschleunigung und ist auch in Ihrem Garten das modische Accessoire für den Weltfrieden.“ „Sehr gut! Ich bin begeistert!“ Er grummelte. „Nein, ich bin wirklich begeistert. Jetzt noch etwas über Herrenschuhe, und ich könnte dieses Ding glatt ernst nehmen.“</p>
<p>Das Gefährt teilte mir mit, dass es gar keine Schuhe im Einkaufszentrum gäbe; gleichzeitig schossen lauter Pop-ups mit Aktionsangeboten in die Höhe, darunter auch edles Schuhwerk für Herren. Ich piekte den Finger hinein und lauschte der monotonen Botschaft: „Die Abteilung die Sie gewählt haben ist derzeit nicht verfügbar bitte besuchen Sie stattdessen auch unsere Abteilung Herrenschuhe und feine Lederwaren.“ „Das nennt sich jetzt bestimmt Multitasking“, schätzte ich. „Wie toll muss dann erst Multimedia sein. Fast so, als hätte man den Schuh in der Hand.“</p>
<p>Wir navigierten durch die Schuhregale, die es offiziell gar nicht gab – das Ressort befand sich in einer Seitennische der Baustoffe, links neben dem Zubehör für Perlstickerei und Völkermord – und ich fand einen halbwegs akzeptablen Budapester. „Sie können das Modell natürlich heranzoomen und drehen.“ Kornmöller fingerte auf dem Screen herum, doch nichts tat sich. Ich kratzte mich am Kopf. „Vielleicht sollten wir das System jetzt neu starten, um die Veränderungen anzuzeigen?“ „Das ist völlig normal“, beeilte er sich, mir mitzuteilen, „es hakt manchmal ein bisschen. Ah, da ist ja die Produktinformation.“ Und wieder schnarrte das einschläfernde Getön vor sich hin. „Dieser Herrenschuh in klassischem Schwarz ist ein Schuh den Sie zu vielen Gelegenheiten kombinieren werden er besteht zu 100% aus Llllllllllllllllll…“</p>
<p>Das Ding hing. „Sie hatten Recht“, höhnte ich, „ein völlig neues Einkaufsgefühl.“ Da Kornmöller bereits hektische Flecken im Gesicht trug, legte ich nach. „Ihre Karren fahren also auf einem Crash-Kurs? Da müssten wir uns jetzt überlegen, was wir machen. Ach Gott, er ist ja offen – alle Fenster schließen fällt also flach.“ Er lief krebsrot an und stieg aus dem Fuhrwerk. „Hübsches Blau übrigens. Was halten Sie davon, die Fehlermeldungen auch farblich individuell zu gestalten?“ Wutentbrannt trat der Weihnachtsgeschäftsmann gegen die Karre. Ich tröstete ihn. „Lassen Sie den Kopf nicht hängen, Kornmöller. Das wird schon. Und bis dahin drücken Sie den Leuten am Eingang einfach einen schönen Katalog in die Hand. Das ist ja auch fast wie Einkaufen.“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Abseits]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/16/abseits/</link>
<pubDate>Sun, 15 Nov 2009 23:00:02 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„Nehmen Sie schon mal Platz, ich bin dann auch gleich bei Ihnen.“ Es war das Letzte, was ich von ihm]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„Nehmen Sie schon mal Platz, ich bin dann auch gleich bei Ihnen.“ Es war das Letzte, was ich von ihm hörte; die Vormittagsstunden über saß ich ganz allein im Büro des Staatssekretärs, er hatte mich wohl schlicht vergessen. Schon senkte sich die Herbstsonne. Aufmerksam las ich die langen Reihen der Buchrücken entlang, denn mir knurrte der Magen. Und es war schon fast Teezeit.</p>
<p>Da wurde die Tür aufgerissen. „Was machen Sie hier?“ „Ich gehöre inzwischen zum Inventar“, entgegnete ich lakonisch. „Hat er Sie einfach hier sitzen lassen? So eine Gedankenlosigkeit – es wird noch böse enden.“ Der Referent legte die Mappe mit dem Referentenentwurf auf den Schreibtisch. „Irgendwann wird mal einer der Besucher über Nacht hier sitzen und das ganze Innenministerium zusammenschnarchen – und am nächsten Morgen wird in den Zeitungen stehen, dass wir uns die Schläfer selbst ins Haus holen!“ Er war deutlich verärgert. „Und dann auch noch diese unsinnigen Gesetzesvorhaben! Der Mist von Bosbach war ja schon schwer erträglich, aber das hier?“ Wortlos schob er mir den Entwurf herüber.</p>
<p>„Paintball?“ Ich riss die Augen auf. „Sie wollen allen Ernstes Paintball verbieten? Als Bedrohung der nationalen Sicherheit?“ „Beschweren Sie sich nicht bei mir“, seufzte er, „das kommt aus dem Familienministerium. Frau von der Leyen musste mal wieder einen Entwurf ausgeben, weil sie seit Wochen nicht in den Schlagzeilen stand.“ Mit dem Finger tippt ich auf den Aktendeckel. „Seit dem letzten Killerspielverbotsantrag sind Sie nicht viel weiter gekommen?“ „Eigentlich gar nicht“, gestand der Ministerialbeamte. „Aber wir stehen unter Druck. Es muss ein Verbot her, ganz egal, gegen was.“ Er blätterte geistesabwesend die Papiere durch. „Wir wollten schon die Schützenvereine ins Visier nehmen, aber das können Sie vergessen.“ „Es gab Probleme?“ Er nickte. „Kann man so nennen. Die Lobbyisten haben der Familienministerin klargemacht, wenn sie die Sportschützen nicht zu sanftmütigen, gutherzigen Musterdemokraten erklärte, würden sie dem Bundeskabinett die Birnen wegballern.“ Ich zog eine Braue hoch. „So viel demütige Liebe ist ja kaum erträglich.“</p>
<p>Er hatte auf dem Sessel des Staatssekretärs Platz genommen und spielte mit dem Briefdolch in der Federschale. „Wir hätten ja gerne etwas mit Medien gemacht.“ „Das wollen die meisten“, entgegnete ich, „sie verstehen bloß nichts davon.“ „Nein, anders – ich meine die Gewaltdarstellung in den Medien. Da könnte man doch prima populistische Gesetze machen! Haben Sie die letzten Filme von James Bond gesehen?“ „Sinnlose Gewaltexzesse als Patentrezept zur Konfliktlösung“, nickte ich. „Und was das Beste ist: freigegeben für Kinder ab zwölf!“ Ich dämpfte seine Erwartungen. „Leider werden Sie damit nichts erreichen. Früher haben die Jungs mit Zinnsoldaten gespielt und sich mit Knallplätzchen-Revolvern als Cowboy und Indianer erschossen – Gewalt ist in unser zivilisatorisches Handlungsrepertoire fest eingebunden. Sie gilt in diesem Fall als Kultur.“ „Für Schützenvereine hat man das akzeptiert“, antwortete er bissig, „nur beim Schießen mit Farbkugeln gibt es noch Probleme.“</p>
<p>„Lassen Sie mich mal überlegen“, grübelte ich, „was man so alles braucht dafür. Es ist ein Taktikspiel, ein Mannschaftssport, und man muss schon ziemlich fit sein, um an einem Turnier teilzunehmen. Inzwischen gibt es ja sogar Werksmannschaften.“ „Sie reden von Paintball?“ „Das auch. Aber als wirklichen Einbruch der gesellschaftlichen Wirklichkeit in unsere nationalen Sicherheitsbestrebungen rede ich natürlich in erster Linie von Fußball.“ „Fußball? Was hat Fußball mit nationaler Sicherheit zu tun?“ „So, wie Sie das definieren, eine Menge. Was wissen Sie eigentlich darüber?“ Er zuckte nur die Schultern. Ich setzte mich auf die Schreibtischkante. „Wie Paintball war es zuerst die sportliche Betätigung einer jungen, elitären, rücksichtslosen Schicht – hier britische Bankster, dort preußische Parvenüs. Und natürlich nichts fürs Prekariat, das müssen wir raushalten.“ „Also bitte, Fußball ist doch ein Volkssport wie…“ „Pah! Das waren vereinzelte Spieler, die nicht in die akademischen Burschenschafts-Teams passten, Arminia, Borussia, Teutonia. Ernst Kuzorra, Fritz Szepan, Proleten, die die Wehrertüchtigung zu einer Mannschaftssportart umfunktionierten – eine Gefährdung der nationalen Sicherheit!“ Er rümpfte die Nase. „Seit wann gefährdet Fußball die nationale Sicherheit?“ Ich blickte ihn über den Rand meiner Brille hinweg an. „Sie haben noch nie das freundliche Einvernehmen der Fans nach einem Länderspiel beobachtet?“ Er schwieg betroffen.</p>
<p>„Sie müssen aber bedenken, dass Killerspiele wie Gewaltfilme die Aggression kaum beeinflussen – alles wissenschaftlich erwiesen. Nach wenigen Minuten ist die Wirkung verflogen.“ „Umso besser“, frohlockte ich, „dass es beim Fußball derart viele Prügeleien auf und neben und hinter dem Platz gibt. Eine wunderbare, schlimme Gefahr!“ „So gesehen…“ Er brütete. „Aber ob wir das Gesetz durchbringen, wenn ich den Entwurf jetzt noch etwas anpasse?“ „Was sollte da passieren?“ „Möglicherweise wird er vor der Verabschiedung gelesen.“ Ich legte ihm beruhigend den Arm um die Schultern. „Wir wollen jetzt mal nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen.“</p>
<p>„Was machen Sie denn hier?“ Der Staatssekretär zog die Tür ins Schloss und knipste die Leuchten an. „Ach nichts“, sprach ich und erhob mich aus dem Sessel. „Es hat sich wohl schon erledigt.“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Hallo Welt!]]></title>
<link>http://mmx4life.wordpress.com/2009/11/13/hallo-welt/</link>
<pubDate>Fri, 13 Nov 2009 20:41:13 +0000</pubDate>
<dc:creator>mmx4life</dc:creator>
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<description><![CDATA[Meine Damen und Herren Willkommen auf einem fremden Stern Wo Geld und Status alles ist Auch wenn dan]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Meine Damen und Herren<br />
Willkommen auf einem fremden Stern<br />
Wo Geld und Status alles ist<br />
Auch wenn daneben noch’n Penner sitzt<br />
Wurdest du schon so geboren<br />
Bist in deinem perfekten Körper verloren<br />
Alles muss viel besser sein<br />
Lieber magersüchtig als allein</p>
<p>Hallo Welt<br />
Ist denn hier alles nur Show?<br />
Alles nur für Dich<br />
Alles nur fürs Geld<br />
Alles nur fürs Ego<br />
Hallo Welt<br />
Ist denn hier alles nur Show?<br />
Alles nur zum Schein<br />
Alles nur für Style<br />
Alles nur fürs Ego</p>
<p>von <a href="http://www.revolverheld.info/" target="_blank">Revolverheld</a></p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Passgenau]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/12/passgenau/</link>
<pubDate>Wed, 11 Nov 2009 23:00:02 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„So geht das einfach nicht weiter!“ Im Prinzip war ich mit Hildegard vollkommen einer Meinung, schon]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„So geht das einfach nicht weiter!“ Im Prinzip war ich mit Hildegard vollkommen einer Meinung, schon deshalb, weil ich auch nicht mehr einsah, warum ich die Halterung des Duschvorhangs jedes Mal wieder neu montieren musste, wenn sie mein Bad benutzt hatte. „Jeden Tag dasselbe Theater“, schimpfte sie, „man braucht nur schief hinzusehen, und zack! hat man gleich den ganzen Kram auf dem Kopf!“ „Das liegt daran, dass Du das komplette Gestänge mit dem Vorhang herunterziehst.“ „Aber ich muss doch das dämliche Ding irgendwie auf und zu kriegen“, knurrte sie. „Das liegt daran“, entgegnete ich, „dass Du den Duschvorhang nicht wie jeder andere vernünftige Mensch horizontal verschiebst, sondern Dich mit Deinem ganzen Körpergewicht…“ Hildegard setzte ihre Kaffeetasse so hart ab, dass ich zusammenzuckte. Grimmig sah sie mich an. „Willst Du damit etwa andeuten, dass ich zugenommen hätte?“ „Ich meinte nur, dass Du nicht so am Vorhang zerren solltest, sonst kommt er immer wieder herunter.“ Sie schlug mit der Faust auf den Frühstückstisch. „Das tut er jetzt schon! Ich kann ja wohl nicht die ganze Zeit die Duschstange mit einer Hand halten.“ „Warum nicht“, meinte ich und biss in mein Marmeladenbrötchen. „Du hast ja zwei Hände, und wenn Du bei der Gelegenheit den einen Arm immer in die Höhe strecktest, würdest Du mit dem Wasserstrahl gleich viel einfacher…“ Hildegards Augen und ihr Mund verengten sich zu drei waagerecht angeordneten Schießscharten. „Du wirst“, zischte sie mich an, „noch heute eine neue Duschstange kaufen!“</p>
<p>Schon um die Mittagszeit fanden wir einen Parkplatz in Sichtweite des Heimwerkermarktes. Wo bekam man hier eine Duschstange? Bunte Tafeln hingen von der Decke, um dem versierten Kunden vom Falzziegel bis zur Stülpschalung alles zu bieten, was er zu brauchen meint. Wir blickten einander ratlos an. Da sauste eine Fachkraft heran; mit dem Fuß stieß der Mann sich vom Boden ab und fuhr auf dem überdimensionalen Einkaufskorb tretrollergleich durch die Halle. Ich winkte ihm zu. „Sanitär im Gang links neben Leuchtmitteln und Elektro“, rief er und war schon verschwunden. Ich war so schlau wie zuvor. Da kam er schon zurück. Todesmutig sprang ich vor den rasenden Trolley. „Aber wo ist das denn?“ „Leuchtmittel und Elektro ist rechts neben Sanitär“, schrie er mir nach und polterte in die Ferne.</p>
<p>Aus dem Seitengang kam ein schwer verstörter Verkäufer im blauen Kittel auf mich zugetorkelt. „Also die Stahlmantelbecken haben wir von 120 bis 150 Zentimeter Tiefe“, schwafelte er, „jeweils acht Zehntelmillimeter Außenhülle und Innenhülle von sechs bis acht Zehntelmillimeter in PVC, oder in Weiß. Können Sie als Aufsteller oder als Einbauer haben, aber ab 120 Zentimeter geht eigentlich sowieso nur Einbau, aber ich verkaufe Ihnen den auch als Aufsteller, einbauen können Sie den aber trotzdem.“ Ich wies ihn darauf hin, dass der Einbau eines Schwimmbassins im Dachgeschoss der Zustimmung des Vermieters bedürfe, aber er ließ nicht locker. „Das kriegen Sie auch barrierefrei mit Tiefeinstieg hin, aber dazu nehmen Sie am besten ein Massivbecken. Schon wegen der Magerbetonplatte auf der Rollierung als Unterbau, verstehen Sie? Ist einfach langlebiger, vor allem bei nichtbindigem Untergrund.“ Ich versprach ihm, sofort nach meiner Rückkehr Bodenproben zu nehmen. Man weiß ja schließlich nie, was sich unter dem Parkett versteckt.</p>
<p>Plötzlich kreischte neben mir eine schrille Stimme auf. Ein halbes Dutzend Kunden warf sich zu Boden. Der Mann mit dem Sturmgewehr bedrohte die drei Angestellten hinter dem Informationstresen. „Ich will endlich einen zölligen Flansch“, brüllte er, „ich will jetzt endlich diesen verdammten zölligen Flansch haben! Wie oft muss ich noch in diesen Saftladen kommen?“ Eine Frau brach in Tränen aus, andere kauerten sich zwischen Regale und Verkaufskörbe. Ich trat einen Schritt vor. „Bitte regen Sie sich nicht auf“, besänftigte ich den fassungslosen Flanschkunden, „es wird sich sicher eine Lösung für Ihr Problem finden lassen.“ Er riss die Waffe herum und zielte auf mich. „Das ist mir vollkommen egal!“ Zitternd vor Wut stieß er die Worte hervor. „Ich komme seit zwei Wochen jeden Tag her, und nie passt dieses Ding ans Abflussrohr. Wenn ich heute hier keinen zölligen Flansch kriege, gibt es Tote!“ Abrupt hob er den Lauf gegen die Decke und drückte ab; majestätisch segelte das Schild, das auf Farben und Lacke hinwies, zu Boden.</p>
<p>„Moment, ich bin gleich zurück.“ Ich sah gerade noch, wie Hildegard sich millimeterweise rückwärts in Richtung Ausgang schob – wo wollte sie hin? Der Schweiß tropfte von meiner Stirn. Würde sie es lebend bis nach draußen schaffen? War die Polizei denn schon alarmiert? Ich schloss die Augen und versuchte mich zu beruhigen. Da spürte ich einen kleinen, harten Gegenstand, der in meine Hand geschoben wurde. Hildegard stand genau hinter mir. „Wenn ich Dein Handgelenk drücke, zählst Du bis drei und wirfst es zur Seite.“ Angespannt wartete ich. Da spürte ich ein Zwicken. Sekunden später klimperten Hutmuttern aus dem splitternden Kästchen. Blitzartig sprang der Geiselnehmer zur Seite. In diesem Moment traf ihn ein rundes Stück Gussstahl an der Schläfe. Er gab ein kurzes Stöhnen von sich und sank bewusstlos zu Boden. „Wenn er wieder zu sich kommt, kann er das Teil gleich mitnehmen“, informierte mich Hildegard. „Der Flansch ist zöllig. Und jetzt sieh zu, dass Du fertig wirst. Bei der Auskunft werden die ja wohl wissen, wo man eine Duschstange findet.“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Ärzte ohne Grenzen]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/11/arzte-ohne-grenzen-2/</link>
<pubDate>Tue, 10 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„Lassen Sie nur, er ist mein Begleiter.“ Der bullige Türsteher ließ uns passieren. „Jetzt ganz unauf]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„Lassen Sie nur, er ist mein Begleiter.“ Der bullige Türsteher ließ uns passieren. „Jetzt ganz unauffällig dreinschauen“, wisperte Doktor Klengel mir zu, „und denken Sie daran: Sie sind Doktor Rübele aus Potsdam.“ Ich tastete nach dem Schildchen in der Anzugtasche. Nichts konnte mehr schief gehen. Ich war tatsächlich auf dem Ärztekongress.</p>
<p>Die Lachshäppchen waren angenehm groß, aber unangenehm trocken. Dafür mangelte es nicht an lauwarmem Champagner. Klengel stieß mich an. „Der Vortrag geht gleich los, kommen Sie.“ Der Saal füllte sich schnell. „Der erste Referent ist ein Seuchenspezialist“, informierte mein Hausarzt. Unter schütterem Applaus betrat der Pestilenz-Professor die Bühne. „Wir stehen vor einer gewaltigen Katastrophe“, hub er an, „vor einer entsetzlichen Tragödie von, lassen Sie es mich beim Namen nennen, biblischem Ausmaß!“ Ein Raunen schlich durch den Raum. „Die Schweinegrippe ist eine furchtbare Prüfung, eine Plage, die wir, lassen Sie mich das aussprechen, alle durchstehen müssen. Sie wird sehr viel Kraft, ja, lassen Sie…“ „Was redet der Mann da eigentlich“, flüsterte ich, „die Grippewelle hat doch noch nicht einmal begonnen.“ „Er ja auch noch nicht“, kicherte Klengel. Ich begriff, als der Redner endlich auf den Punkt kam. „Lassen Sie mich das Schreckliche in aller Deutlichkeit zur Sprache bringen – kein Mensch glaubt an die Schweinegrippe!“</p>
<p>Man meinte, die versammelte Ärzteschaft in namenloser Erschütterung zu erleben. Unaufhörlich bohrte der Virenapostel weiter in der Wunde. „Wir haben nur wenige Mittel, nur begrenzte Ressourcen, um dieser Lage Herr zu werden. Wir müssen die Menschen aufklären.“ Tosender Applaus erscholl. „Wir müssen den Patienten klarmachen, dass die Chance, an der Neuen Grippe zu versterben, so hoch ist, wie von einem Hund gebissen zu werden!“ Ich räusperte mich. „Das ist Unfug“, widersprach ich, „woher hat dieser Mann die Zahlen?“ Klengel belehrte mich umgehend; er hatte den Artikel in der Fachzeitschrift gelesen. „Statistik, mein Lieber, reine Statistik. Die Zahl der Schweinegrippetoten, hochgerechnet auf zehn Jahre, ist annähernd so groß wie die der Hundebissopfer in Hessen im dritten Quartal 1983.“ „Das ist doch Quacksalberei! Würden Sie das Ihren Patienten sagen?“ Er zuckte die Schultern. „Die meisten fragen ja nicht nach.“</p>
<p>Das Pandämonium ging weiter. „Mittlerweile ist es so weit, lassen Sie mich das so ausdrücken, dass die Menschen sich immer und überall die Hände waschen. Sie verwenden Desinfektionsmittel! Flüssige Seife!“ Das Stöhnen der Medizinmänner richtete meine Nackenhaare auf. „Papierhandtücher und Mundschutz“, fuhr der Infektionsprophet fort, „Körperhygiene – doch keiner weiß, ob es nicht wirklich alles noch viel schlimmer als schlimm sein wird oder vielleicht noch viel schlimmer! Die Menschen müssen endlich begreifen, dass diese abscheuliche Krankheit von derart exorbitanter Entsetzlichkeit sein könnte, dass in diesem Fall die Hygienemaßnahmen völlig überflüssig wären. Und da wir ja auf das Schlimmste vorbereitet sind…“ Der Rest ging in aufbrandendem Beifall unter.</p>
<p>„Sagen Sie mal“, wandte ich mich an Doktor Klengel, „wer bezahlt eigentlich dies pandemische Panoptikum? Die Krankenkassen oder der Ärztebund?“ „Wo denken Sie hin?“ Er fächelte sich mit dem Programmheft abgestandene Luft zu. „Die Pharmakonzerne natürlich.“ „Ich dachte, dies sei ein medizinischer Fachkongress?“ Klengel nickte. „Ist es ja auch.“ „Aber ich komme mir hier vor wie auf einer Kaffeefahrt mit Heizdeckenpropaganda.“ „Keinesfalls“, entgegnete er, „auf der Kaffeefahrt sollen Sie die Heizdecken kaufen, um keinen Ärger zu bekommen. Hier sollen Sie sie verkaufen.“ Ich schluckte trocken.</p>
<p>Der Grippegreifer holte zum entscheidenden Schlag aus. „Und deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, müssen wir lückenlos, müssen wir umfassend, lassen Sie mich das jetzt hier in aller Entschiedenheit sagen, darum müssen wir die Verdachtsfälle schonungslos dokumentieren, um überall im Land das richtige Bewusstsein für ein sich entwickelndes Gefahrenpotenzial zu schaffen!“ „Ich begreife es nicht“, murmelte ich, „sie klatschen und merken nicht, dass eine Massenhysterie geplant werden soll.“ „Aber das ist doch nicht unser Part.“ Klengel stimmte in den Schlussapplaus ein. „Das richtete sich an die anwesenden Medienvertreter.“</p>
<p>Wir verließen den Saal. Noch immer klemmte das Schild, das mich als Doktor Gotthold Rübele auszeichnete, an meinem Revers. Hier und da traf mich ein freundliches Nicken. Offenbar war mein Name ein Begriff. Ich war irritiert. „Wer bin ich eigentlich?“ „Sie haben einige Sachen über den Rechtsschenkelblock publiziert“, belehrte mich der echte Arzt an meiner Seite, „und sind folglich ein Kardiologe.“ „Was ist das genau?“ „Ein kleiner Zacken, den man im Elektrokardiogramm sieht. Er tut nichts, oft ist keine Ursache festzustellen, und infolgedessen braucht man dafür keine Therapie. Eine nutzlose Krankheit, gewissermaßen.“ Ich blickte ihn bissig an. „Es klingt, als litte das Gesundheitswesen daran.“</p>
<p>„Mein lieber Rübele!“ Der Pharmarodeur eilte auf uns zu. Mir wurde schwarz vor Augen. „Ihre Abhandlung über arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie – fabelhaft! Sie sind ein großartiger Diagnostiker!“ Geschmeichelt schüttelte ich ihm die Hand. Doch da konnte ich nicht widerstehen. „Und, lassen Sie sich auch impfen?“ Er tippte sich an die Stirn. „Ich? Impfen? Bin ich denn bescheuert?“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Stille Post]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/10/stille-post/</link>
<pubDate>Mon, 09 Nov 2009 23:00:04 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[Die Äußerung am Rande des Landesparteitags wäre um ein Haar untergegangen, wenn nicht rein zufällig ]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Die Äußerung am Rande des Landesparteitags wäre um ein Haar untergegangen, wenn nicht rein zufällig das Diktiergerät eines anderen Delegierten mitgelaufen wäre. So konnte der Wortlaut für die Nachwelt aufgezeichnet werden, was namentlich deshalb wichtig war, weil man nun wusste, dass es an der Basis durchaus Kräfte gab, die anders dachten als die Bundesvorsitzenden. Keine zehn Minuten dauerte es, bis das Zitat, aufgeteilt in drei Tweets, seinen Weg durch die Datenkanäle nahm; dass nur der zweite Teil gelesen wurde, machte die Sache nicht besser.</p>
<p>Während die meisten Empfänger noch über den Sinn der kryptischen Botschaft grübelten, schmiss <em>BILD</em> die Schlagzeile des kommenden Tages raus. Deutschland war nun nicht wegen der vielen wegfallenden Arbeitsplätze gerettet, sondern wieder ernsthaft in Gefahr. Man verlieh der Sorge ums Vaterland dreizehn Zentimeter hoch Ausdruck.</p>
<p>Die Unionsparteien reagierten prompt. Zwar wusste Ronald Pofalla noch nicht, wer da eigentlich was gesagt hatte, wies jedoch sämtliche Verantwortung der CDU-Fraktion entschieden zurück. Den Affront ließ die CSU nicht lange auf sich sitzen: in derber Gegenrede, gespickt mit bissigen Ausfällen auf die Schwesterpartei, bellte Horst Seehofer heraus, dass er Doppelzüngigkeiten des zwar christlichen, aber nicht sozialen Koalitionspartners nicht mehr toleriere. Der <em>Bayernkurier</em> druckte vorsichtshalber ein Dementi, aus dem klar hervorging, dass die Debatte nur geführt werde, um das Kruzifix-Verbot hoffähig zu machen.</p>
<p>Nach und nach schalteten sich die anderen Parteien in die Diskussion ein. Claudia Roth sagte, sie wisse es längst, Frank-Walter Steinmeier meinte, man hätte das wissen können. Oskar Lafontaine sagte, er habe es ja immer schon gesagt. Der DAX kippelte vorerst verhalten, aber entschieden fest.</p>
<p>An dieser Stelle schwappte die Welle in die Gesellschaft hinaus. Bundespräsident Horst Köhler rief zur Besonnenheit auf und ermahnte die Politik, ihrer Verantwortung für die Bürgerinnen und Bürger gerecht zu werden. Obwohl niemand es zur Kenntnis genommen und die Kanzlerin ihn noch nicht von der Leine gelassen hatte, knurrte Volker Kauder bereits in die Pressemikrofone, die Kritik an Angela Merkel in diesem Punkt sei mal wieder ein typisches Anzeichen dafür, dass die Opposition – im Wortlaut benutzte er hier eine ehrenrührige Formulierung – ausschließlich ehrenrührige Formulierungen zu benutzen geeignet sei. Auch dies rief keinerlei Resonanz hervor; die meisten Redakteure hielten es für die vorangegangene Attacke Kauders und deponierten sie im Archiv.</p>
<p>Zwischen zwei Osteuropa-Reisen fand Außenminister Westerwelle Zeit, sich entschieden gegen jede Kritik an der bürgerlichen Koalition zu verwahren. Der Chefliberale betonte, dies sei eine hirnverbrannte Neiddebatte, die nur darauf ziele, die Elite, die es indes überhaupt nicht gäbe, gegen die Leistungsträger auszuspielen. Dies sei jedoch ein Signal für mehr Freiheit und Privatisierung und möglicherweise auch für Steuererleichterungen.</p>
<p>Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ließ mitteilen, er ließe gar nichts mitteilen. Im Verteidigungsressort knobelte man noch, ob man es als Kriegszustand werten solle.</p>
<p>Die Talkshows wurden aufmerksam. Da das Panel bei <em>Anne Will</em> wie immer mit Hans-Werner Sinn, Bernd Raffelhüschen, Hans-Olaf Henkel und Günter Wallraff besetzt war, fiel es zunächst niemandem auf, dass das ursprüngliche Thema <em>Land ohne Muttersprache – Braucht Deutschland Deutschkurse?</em> nicht mehr passte; hastig einigte sich die Redaktion auf die Problematik <em>Wie viele Seiten hat ein Kreis?</em> und konnte eine Stunde angeregter Gespräche bieten, an deren Ende die überraschende Lösung stand: Deutschland sei übervölkert von Millionen Sozialschmarotzern, die nur deshalb keiner Erwerbsarbeit nachgingen, um nicht Einkommensteuer zahlen zu müssen. Erst mit der Einführung einer kapitalgedeckten Privatrente sei dem Untergang der Nation Paroli zu bieten.</p>
<p>Joachim Kardinal Meisner wetterte dagegen. In einem Hirtenbrief teilte er mit, er wisse nicht, ob sich Edmund Stoiber schon geäußert, und wenn ja, was er dazu gesagt habe, sei aber mit ihm grundsätzlich einer Meinung, wenngleich er dessen Wortwahl für zu lasch hielte. Der Zentralrat der Juden in Deutschland lehnte jegliche Debatte ab. Der ADAC rief zu Unterschriftenaktionen auf; Roland Koch sagte logistische Unterstützung zu.</p>
<p>Das Land war tief gespalten. Franz Josef Wagner setzte im täglichen Wechsel Briefe ab, in denen er bald zur Verteidigung, bald zur Ausrottung von Sozialstaat, parlamentarischer Demokratie, Baumschulen und Bierdeckelsammeln hetzte. Die Verlagsindustrie geiferte gegen die Leser, die die Frechheit besaßen, Zeitungen nach dem Erwerb tatsächlich zu lesen. Das BKA forderte mehr Gesetzeslücken, um andere zu schließen. Peter Sloterdijk entwarf einen ungeheuer geistreichen Kommentar mit einem hocheleganten Wortspiel, indem er die beiden Begriffe <em>struktural</em> und <em>strukturell</em> in einem einzigen Satz unterbrachte; der Beitrag hatte mit dem politischen Thema ansonsten nichts zu tun. Harald Schmidt riss daraus einen abgedroschenen Witz, über den keiner lachte, und Oliver Pocher blies den Kalauer zu einer neuen TV-Show auf, die wegen Erfolglosigkeit nur zwei Jahre lang lief, bis sie abgesetzt wurde. Es war, wie gesagt, nicht viel geschehen.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Das Urteil]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/09/das-urteil/</link>
<pubDate>Sun, 08 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[Die Frau weinte und schrie. „Ich habe doch gar nichts gemacht! Sie können mich doch nicht einfach mi]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Die Frau weinte und schrie. „Ich habe doch gar nichts gemacht! Sie können mich doch nicht einfach mitnehmen, ich habe doch gar nichts getan!“ „Das ist jetzt auch egal“, schnarrte der Polizist und stieß sie in den Transporter. Ich schlug den Mantelkragen hoch. Der Himmel über Berlin sah finster auf uns herab, der nächste Hagelschauer schien bloß noch eine Frage der Zeit zu sein.</p>
<p>„Das ist sehr interessant“, bemerkte Olbiński, „die Einsatzkräfte sind meines Wissens nach überhaupt nicht informiert.“ „Informiert worüber“, fragte ich. „Was man den Bürgern vorwirft. Das ist ein Novum; gestatten Sie mir die Bemerkung, ich muss ja unbeteiligt bleiben, dass dieses Verfahren, die Exekutive von der Rechtsprechung so völlig zu trennen, nicht mit dem herkömmlichen Begriff der Gewaltenteilung zu beschreiben ist.“ „Weil die Polizisten gar nicht wissen, weshalb sie jemanden verhaften?“ „Das auch, aber vielmehr, weil auch die Richter gar nicht wissen, weshalb sie jemanden verurteilen.“ Wir bogen auf den Schiffbauerdamm und gingen ein paar Schritte in den Westen. Trüb floss die Spree vor sich hin; es kümmerte sie durchaus nicht, man hätte hineinschmeißen können, was man gerade wollte.</p>
<p>Der UNO-Beobachter knetete seine klammen Finger. „Es war ja von Anfang an schwierig, dies Gesetzgebungsverfahren durch Ihr Parlament zu bringen. Sie haben aber auch keine Peinlichkeit ausgelassen.“ Ich begehrte auf. „Es gab hier Massendemonstrationen! Noch immer läuft eine Verfassungsklage, um das Gesetz zu stoppen!“ Olbiński kicherte. „Verfassungsklage, ja… Ihr Außenminister, diese Marionette, die sich so hübsch in Polen vorgestellt hat, klagt jetzt, obwohl er selbst für die Änderung Ihrer Verfassung gestimmt hat, um dies Gesetz überhaupt zu ermöglichen.“ „Das ist allerdings wahr.“ „Und es ist doch eine Ironie, dass weder Parlament noch Regierung wussten, was in dem Gesetz überhaupt stand – Geheime Verschlusssache, wie?“ Wieder kicherte er eine Spur zu wenig unbeteiligt. Ich schritt heftig voran.</p>
<p>Da zerrten drei Schutzleute einen Mann in grüner Schürze über die Promenade. Sein Gesicht war zerschlagen. Einer trat ihm von hinten in den Rücken. „Dir helf ich“, brüllte ein anderer, „faule Äpfel verkaufen zu wollen!“ Ich stellte mich in den Weg. „Platz da!“ Schon zog der Amtsträger seinen Knüppel, doch Olbiński streckte ihm seinen Diplomatenpass entgegen. „Was hat dieser Herr getan“, erkundigte ich mich, „dass Sie ihn so behandeln?“ „Es liegt Verdacht vor“, schnarrte der Ordnungshüter. „Dringend. Dreifach inzwischen, und wir holen ihn jetzt ab. Sonst noch was?“ Seine Stimme klang aggressiv. „Wessen wird der Herr beschuldigt?“ „Faule Äpfel. Es hat sich jemand beschwert, dass der Gauner Äpfel verkauft hat, und die sollen faul gewesen sein. Dreimal. Sonst noch was?“ „Das ist kein Grund, ihn zu schlagen.“ „Er hat es verdient“, kreischte der Wachmann, „sonst noch was?“</p>
<p>„Da sehen Sie es“, rief ich aus, „dreimal ein aus der Luft gegriffener Verdacht, und sie zerren diesen Bürger durch die Straßen wie ein Stück Vieh!“ „Ich bedaure, ich kann da nicht eingreifen. Three Strikes war Ihre Idee, nicht unsere. Solange es sich um geltendes Recht handelt, muss man das respektieren in einem Rechtsstaat.“ „Rechtsstaat?“ Ich war außer mir vor Wut. „Das nennen Sie einen Rechtsstaat? Dreimal kann irgendein Hampelmann einen Bürger bezichtigen, es gibt kein Ermittlungsverfahren, es gibt keine Beweise, kein Urteil, und die Menschen verschwinden im Gefängnis?“ „Wozu brauchen Sie denn Beweise? Vergessen Sie nicht, Sie haben die Beweislastumkehr eingeführt. Das ist jetzt so.“ „Eben deswegen – Sie beschuldigen jemanden dreimal einer Lappalie, und er wird abgeholt!“ „Es ist unschön“, bedauerte Olbiński, „wirklich sehr unschön. Es gibt ja auch keine Ärzte mehr.“ „Das liegt daran, dass sie sich alle gegenseitig des Pfuschs anschuldigen…“ „Was nicht aus der Luft gegriffen sein dürfte“, kicherte er. „Sie versuchen einander aus dem Weg zu räumen. Dieser ganze Staat gibt sich unverfroren dem Denunziantentum hin. Das ist das Ende der Gesellschaft!“</p>
<p>Wir hatten die Wilhelmstraße erreicht; Uniformen standen herum, kritische Blicke folgten uns. „Es wird doch irrwitzig. Sie haben die Post abgeschafft, weil die Kriminalitätsstatistik schon drei Erpresserbriefe verzeichnet in diesem Jahr. Wo soll das enden?“ „Ich verstehe Ihren Groll“, besänftigte er mich, „es ist ja auch absurd, dass man jemanden einsperrt, nur weil er dreimal falsch geparkt haben soll, obwohl er erwiesenermaßen weder ein Auto noch einen Führerschein besitzt.“ „Wir leben in einer faschistischen Operette! Und das alles, weil ein paar Kriminalisten unbedingt ein Gesetz zur Pauschalkriminalisierung aller Bürger brauchten!“ „Disney ist eben mächtiger als die Bundesregierung“, antwortete er, „aber sehen Sie es positiv: immerhin werden Sie jetzt nicht mehr von der Bundesregierung kriminalisiert, sondern von den Konzernen, die sich damit gut auskennen – Steuerhinterziehung, Erpressung, Unterschlagung.“</p>
<p>Wir liefen auf das Reichstagsufer zu, als der Tumult begann. Wer war diese Frau im Hosenanzug und warum prügelten die Schutzleute auf sie ein? Da knallte ein Schuss über die Spree. Ich packte Olbiński am Arm. „Das ist doch… das ist sie doch nicht?“ Ein Körper klatschte vom Ufer in den Fluss. „Sagen Sie, dass das nicht wahr ist!“ Doch er blieb teilnahmslos. „Sie hat gelogen. Und wie es scheint, nicht bloß einmal.“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[9. November]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/08/9-november/</link>
<pubDate>Sat, 07 Nov 2009 23:00:04 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[Es war der Tag, an dem die Mauern fielen, als Freiheit war und Aufbruch für die Erben. Es war der Ta]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Es war der Tag, an dem die Mauern fielen,<br />
als Freiheit war und Aufbruch für die Erben.<br />
Es war der Tag, als Deutschland lag in Scherben<br />
nach Krieg und Tod, nach falsch berannten Zielen.</p>
<p>Es ist der Tag, nicht einer unter vielen,<br />
da sich im Jahrkreis rot und golden färben<br />
die Kränze, die sich schwärzen im Verderben –<br />
nimm an Dein Los, sonst wirst Du es verspielen.</p>
<p>Dies war der Tag, als Synagogen brannten,<br />
als hilflos Menschen um ihr Leben rannten.<br />
Erkenn: es ist ein Tag von Glück und Schande.</p>
<p>Sieh, was Du bist. Geh aufrecht. Doch gedenke,<br />
dass nichts sich ganz in Dunkelheit mehr senke.<br />
So bist Du einig, recht und frei im Lande.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Camera obscura]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/07/camera-obscura/</link>
<pubDate>Fri, 06 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[Wer im Licht steht, wird geblendet. Die im Dunkel sehen zu. Alles, was im Finstren endet, lässt der ]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Wer im Licht steht, wird geblendet.<br />
Die im Dunkel sehen zu.<br />
Alles, was im Finstren endet,<br />
lässt der lieben Seele Ruh.<br />
Unrat ekelt den Betrachter,<br />
besser hält er und bedachter,<br />
wenn man hielte Dreck und Ratten<br />
&#160;&#160;&#160;&#160;tief im Schatten.</p>
<p>Doch da bleibt’s nicht. Das Gelichter<br />
zieht in alle Sphären auf.<br />
Schert sich daran auch kein Richter,<br />
lässt dem Ding er seinen Lauf.<br />
Dieb bleibt Dieb. Auch diese Sorte<br />
lügt und trügt sich Ehrenworte<br />
und vernebelt die Debatten<br />
&#160;&#160;&#160;&#160;aus dem Schatten.</p>
<p>Kassen, Konten, feiste Beute<br />
scheffelte so mancher Lump.<br />
Einen ganzen Haushalt heute<br />
schwindelt dieses Pack auf Pump.<br />
Tritt sich fest in seinem Amte,<br />
zeigen doch, woher es stammte –<br />
haben, was sie immer hatten:<br />
&#160;&#160;&#160;&#160;einen Schatten.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Die Trümmerfrau]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/05/die-trummerfrau/</link>
<pubDate>Wed, 04 Nov 2009 23:00:06 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„Aber doch nicht 2013!“ „Davon hat ja auch keiner etwas gesagt. Erst macht sie die Grünen fertig.“ „]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„Aber doch nicht 2013!“ „Davon hat ja auch keiner etwas gesagt. Erst macht sie die Grünen fertig.“ „Und dann kommt die Ampel?“ „Eine andere Lösung kommt ja nicht in Frage. Oder glauben Sie ernsthaft, dass die Merkel mit der Linken koaliert?“ „Um Gottes Willen! Das lässt doch die SPD nicht zu!“ „Wenn es die dann noch geben sollte.“ „Wieso nicht?“ „Weil die Entsorgungsfachfrau an der CDU-Spitze bis dahin den Laden durchgekärchert hat. Alles Feind, alles weg.“ „Na, jetzt übertreiben Sie aber wirklich mal ein bisschen!“</p>
<p>„Durchaus nicht. Wenn Sie die Sache realistisch betrachten, müssen Sie zugeben, dass die Merkel alles zerstört, was sie in die Finger kriegt.“ „Jetzt geben Sie also ihr die Schuld, dass die SPD am Ende ist?“ „Die SPD war ein Kollateralschaden, der gut in die Agenda passte. Ich rede hier von ihrem System.“ „Aufbau Ost?“ „Eher Abbau West.“ „Wieso Abbau?“ „Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass hier Arbeitsplätze entstehen? Bürgerrechte? Sehen Sie sich doch den Sozialstaat an. Oder das Gesundheitssystem.“ „Gut, so gesehen…“ „Und das wird noch schlimmer unter Schwarz-Grün. Noch viel schlimmer.“ „Schwarz-Grün auf Bundesebene, das halten Sie doch wohl selbst für unmöglich.“ „Es ist die logische Konsequenz. Und konsequent ist die Merkel.“ „Also jetzt nennen Sie doch endlich mal Ross und Reiter!“</p>
<p>„Passen Sie auf: zuerst hat sie die SPD kaputtgespielt.“ „Na, der Schröder hat ja auch nicht schlecht dafür gesorgt, dass…“ „Der hat aber seinen ganzen Mist mit Hartz IV und den Schily-Gesetzen nur durchgekriegt, weil die CDU ihm in den Ohren gelegen hat. Denen ging’s ja alles nicht weit genug, da wollte sie selbst ans Ruder.“ „Hat sie ja auch geschafft.“ „Und dann hat sie sämtliche Profilpunkte der SPD übernommen.“ „Aber da kann doch die SPD nichts dazu.“ „Lassen Sie mich ausreden. Sie hat als Kanzlerin alles für sich reklamiert, was einigermaßen in Ordnung ging – den schäbigen Rest konnte sie der SPD in die Schuhe schieben. Die haben nach ihrer Pfeife getanzt.“ „Also bitte, Müntefering hat…“ „… den Schwanz eingezogen, dieser Feigling! Wo war die SPD bei der Änderung des Wahlrechts? beim Zugangserschwerungsgesetz? Hat die SPD diesen Schwachsinn von Urheberrechtsgesetz verhindert? Alles haben sie mitgemacht, nur: Mitregieren! Mitregieren! Die Merkel hat sie ausgelutscht wie eine Schwarze Witwe – wenn der Juniorpartner bei der Arterhaltung behilflich war, hat er seine Schuldigkeit getan.“</p>
<p>„Und die FDP?“ „Ja, jetzt demoliert sie eben die Liberalen. Sie haben’s ja gesehen. Steuersenkung, innere Sicherheit, Gesundheitswesen, Bürgergeld – ist davon noch etwas übrig? Hat die FDP irgendein Wahlversprechen auch nur annähernd durchgebracht?“ „Das ist doch noch gar nicht entschieden!“ „Eben – die Merkel kann es jetzt ganz locker aussitzen, vier Jahre, meinetwegen acht, wenn alles schief geht mit ihrem Unsinn. Der Buhmann bleibt die FDP. Die werden für alles das gerade stehen, was sie tut. Und erst recht dafür, was sie alles nicht tut.“ „Warum fällt Westerwelle auf dieses billige Theater überhaupt rein?“ „Lassen Sie mich raten: weil er ein eitler Dummkopf ist?“ „Ja, da könnte etwas dran sein.“</p>
<p>„Und wenn das vorbei ist, wenn auch die FDP nicht mehr genug Stimmen für eine Mehrheit bringt und die SPD sich noch immer in der Gruft wälzt, dann holt sie zu ihrem letzten Schlag aus.“ „Schwarz-Grün?“ „Alles weg, dann bleiben ihr nur noch die Grünen zum Zerlegen.“ „Aber wie soll sie da punkten? Soziales Profil, Wirtschaftkompetenz, meinetwegen, aber Umweltschutz?“ „Sagen wir mal 2017, das dürfte ein halbwegs realistischer Mittelwert sein; dann ist die FDP wieder im unteren einstelligen Bereich angekommen, die Grünen sind in der Opposition locker an der Sozialdemokratie vorbei und uns steht das Wasser bis zum Hals. Die Asse qualmt, der Sprit kostet zehn Euro, die soziale Schere klafft grotesk auf.“ „Und dann macht die Merkel auf Grün?“ „Die Grünen werden sich darum prügeln, endlich mit ihr zu koalieren. Sie werden sich nass machen vor Glück, dass nur noch 50 Jahre Restlaufzeit für neu gebaute Atommeiler vereinbart werden, und es als epochalen Sieg feiern, wenn die Verhandlungen über den EU-Beitritt vorerst weiterhin als ergebnisoffen bezeichnet werden dürfen. Und dann wird Claudia Roth sich hinstellen und lamentieren, man habe nur aus Staatsräson Arbeitslager für Hartz-IV-Empfänger gebaut.“ „Dann sind die Grünen erledigt.“ „Eben.“ „Und warum schafft sie sich die Gegner nicht einfach so vom Hals? Koalitionsbruch? Schnellverfahren?“ „Sie ist da wie die Schweinegrippe: sanft in der Vorgehensweise, den Wirt nicht gleich abmurksen, dann kann sie sich besser ausbreiten – wenn die Hysterie erst mal verflogen ist, findet man sie auch gar nicht mehr so schlimm wie befürchtet.“</p>
<p>„Hm. Glauben Sie, dass die Merkel diese Kohl-Masche wirklich durchzieht? Das kann sie doch nicht alleine.“ „Es gibt einen Unterschied zum Kohlismus: sie hat keine Ziehkinder, weil sie sich fürchtet, dass die sie irgendwann vom Thron schubsen könnten.“ „Deshalb beißt sie Wulff und Oettinger weg.“ „Wie sie Stoiber weggebissen hat, indem sie ihn ins Feuer schickte, als die Union noch chancenlos war.“ „Er hat es nicht einmal gemerkt.“ „Eben, sie merken es nicht, wenn die Merkel zuschlägt. Und wenn die Trümmerfrau mit ihnen fertig ist, bleiben nur noch Scherben.“ „Furchtbar, furchtbar. Wo hat sie denn das bloß her?“ „Aus dem Osten.“ „War denn da nicht alles besser?“ „Ach was. Da hat sie ganz andere Dinge gelernt: Macht ist, wenn man nichts mehr zu tun braucht, und die Apparatschiks sorgen dafür, dass das Pack auf der Straße keine Bananen kriegt.“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Stockholm-Syndrom]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/03/stockholm-syndrom/</link>
<pubDate>Mon, 02 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[Salten kauerte in der Ecke des weißen Zimmers. Er fror. „Das ist typisch“, konstatierte die Ärztin, ]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Salten kauerte in der Ecke des weißen Zimmers. Er fror. „Das ist typisch“, konstatierte die Ärztin, „sie sind in einer Art Katalepsie. Starke Verlangsamung des Denkens. Oft stellen sich Halluzinationen ein. Sie sehen immer dieselben Bilder, hören immer dieselben Stimmen.“ Sie schloss die Jalousien und wir gingen den langen, kalt erleuchteten Flur hinab.</p>
<p>Während sie sich nervös im Nacken kratzte, zog sie Zigaretten aus der Tasche ihres weißen Kittels. Ich nahm eine und gab ihr Feuer. Der Wind fauchte heftig über das Dach. Unter den Füßen knirschte krümelige Dachpappe. Wie eine Vogelscheuche torkelte die Antenne auf dem dürren Schornstein im Herbststurm, unablässig und stumpf nickte der Draht, als sei ihm alles ohnehin gleichgültig. Sie schlug den Kragen hoch. Ihr war kalt. „Meistens können wir nichts mehr für sie tun. Wir können sie medikamentös ruhigstellen. Aber mehr geht nicht. Und es ist ja auch einerlei, denn keiner fragt mehr nach ihnen.“ Warum nicht? „Sie sind offiziell aus dem Verkehr gezogen. Weg.“ Sie sog den Rauch tief ein und ließ ihn in langen Schwaden in die Luft wehen. Sie sprach leise und hastig. „Sie wissen ja, worum es geht.“ „Nicht genau“, antwortete ich, „man sagte mir lediglich, Sie würden die Beamten im Sicherheitshauptamt neurologisch betreuen.“ „Ich beobachte die Kranken. Sie sind alle nicht mehr zu bessern. Es fing an mit der gemeinsamen Personendatenbank – ein zentrales Register für die gesamte Bevölkerung, alles vernetzt, wir konnten alles nachweisen. Wenn Sie mit Ihrem Mobiltelefon eine E-Mail bekommen, wissen wir noch vor Ihnen, was drinsteht, und haben Sie schon in ein neues Risikoraster überführt.“ „Risikoraster?“ „Wenn der Absender jemand ist, der in demselben Haus wohnt, in dem mal jemand gewohnt hat, der denselben Nachnamen trägt wie einer, der im selben Flugzeug saß wie der Nachbar eines Terrorverdächtigen, dann wird Ihr Score automatisch verändert. Ab einer bestimmten Punktzahl sind Sie dann ein feindliches Subjekt.“ „Das Stockholm-Protokoll.“ „Ja, das waren die ersten Auswirkungen. Später kamen noch die standardisierten Online-Durchsuchungen. Die Einteilung in Migrationsrassen. Und dann der paneuropäische Geheimdienst, dessen Zentrale der Einfachheit halber nach Washington verlegt wurde.“ „Haben Sie den Crash erlebt?“ „Es war furchtbar. Letztlich nur eine Stromschwankung, die zu Datenverlusten geführt hatte. Und in ihrer Hektik konnten sich die Staatssekretäre nicht einigen, welchem Land sie zur Ablenkung den Krieg erklären sollten.“</p>
<p>Sie hatte die Zigarette auf dem schmalen Geländer ausgedrückt und wir waren wieder ins Stockwerk getreten. „Natürlich haben sie nur die besten Leute dafür rekrutiert. Harte Hunde. Sie wurden anderthalb Jahre lang für ihre Aufgabe gedrillt. Und dann saßen sie da in ihren Büros und hatten die Daten auf ihrem Schirm. Manchmal wechselte es alle paar Minuten, Migranten, die unweigerlich in ihrer Bewertung hochgestuft wurden, je länger sie sich in einem Land aufhielten oder aber ihren Standort wechselten – beides war ja verboten worden – und dann Dauerüberwachungen. Zufällige Zielpersonen. Sie sehen erst nur Zahlen, ein paar Lebensdaten, vielleicht schon ein Passbild. Am zweiten oder dritten Tag erfahren Sie dann, dass Ihre Zielperson gerade telefoniert. Sie hören, wie sie sich verabschiedet und auflegt. Sie sehen am Bewegungsprofil, wie sie in den Supermarkt geht. Sie sehen am Chip, was sie einkauft. Sie wissen durch die GPS-Ortung, dass sie kurz vor einem Blumenladen stehen bleibt, und entscheiden anhand des Kontostandes, den Sie einsehen können, ob Sie diese Person als leichtsinnig einstufen.“</p>
<p>Inzwischen hatte Salten begonnen, mechanisch hin und her zu wippen. Vor und zurück. Wie ein Betender. „Hospitalismus“, konstatierte sie, „er ist vollkommen depraviert. Manche beginnen, am Daumen zu lutschen.“ Ich sah sie an, wie sie Salten beobachtete. „Er hat eine Belastungsstörung, weil er dem Druck nicht mehr standhalten konnte. Es waren die Entscheidungen, die ihn zermürbt haben, oder?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nicht darum. Wir nennen es unser Stockholm-Syndrom.“ „Stockholm-Syndrom? Aber das tritt doch bei Entführungsopfern auf?“ „Eben. Er hat diese Situation fast zehn Monate lang erlebt. Er wusste alles über seine Zielperson. Er kannte sie, er wusste es schon im Voraus, wenn sie ins Kino gehen, wann sie abends mit ihrer Mutter telefonieren, ob sie im Internet nach einem Kuchenrezept suchen würde. Er kroch in ihr Leben hinein. Die Zielperson blieb immer ein virtueller Schatten für ihn, aber ein überdimensional großer. Jede ihrer Handlungen hat er erlebt, als hätte er sie selbst vollbracht; es mündet fast immer in der Identifikation mit der Zielperson. Jäger und Gejagter sind für einen Augenblick eins – wenn beide die Spiegelfläche wieder verlassen, haben sie ihre Rollen getauscht. Der, der einmal Jäger war, wird nun die Beute. Sie können den Kontrollverlust nicht mehr verkraften. Und dann empfinden sie eine vollständige Lähmung, weil sie die Maßnahmen als gegen sich selbst begreifen – was, politisch betrachtet, ja auch durchaus so gedacht war. Sie sitzen in der Falle.“</p>
<p>Salten war zur Seite gesunken und dämmerte vor sich hin. „Eine zerstückelte Persönlichkeit“, murmelte sie. „Aber was wird jetzt aus ihnen“, fragte ich, „es muss sich doch jemand um sie kümmern.“ „Was erwarten Sie?“ Sie zuckte die Schulter. „Die Revolution frisst ihre Kinder.“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Ruhe sanft]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/02/ruhe-sanft/</link>
<pubDate>Sun, 01 Nov 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
<guid>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/11/02/ruhe-sanft/</guid>
<description><![CDATA[„’türlich, machen wir alles. Gar kein Problem. Und wir richten uns da ganz nach den Wünschen des ges]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„’türlich, machen wir alles. Gar kein Problem. Und wir richten uns da ganz nach den Wünschen des geschätzten Verstorbenen. Klar. Volles Programm, mit allem Drum und Dran. Was immer Sie wollen, wir erledigen das schon für Sie.</p>
<p>Ungewöhnlich? Och, finde ich jetzt nicht so. Ja, ist sicher ziemlich neu, aber auf der anderen Seite muss man auch mit der Zeit gehen, nicht wahr? Das Geld liegt nicht auf der Straße, da haben Sie mal Recht! Und ich komme nun mal aus dem Bereich, mein Vater hatte so ein kleines Bestattungsinstitut, <em>Pietät Möckenburger</em>, sagt Ihnen das was? Na, muss ja nicht. Also aus der Branche, und da dachte ich mir so, Erwin, dachte ich mir, da musst Du doch mal etwas machen. Neue Sachen? Da wird ja allerhand angeboten, wissen Sie, da gibt es Tierbestattungen und Weltraumbestattungen, und bunte Särge kriegen Sie jetzt und eine Urne, die wie ein Fußball aussieht, und Firmenbestattungen gibt’s inzwischen auch. Ja, können Sie sogar im Internet buchen, schwuppdiwupp, da ist der ganze Laden schon abgewickelt. Ja. Ist ja auch ganz praktisch, ich meine, wenn das Ding sowieso schon fast tot ist und… Nein, das machen wir nicht. Ausgeschlossen, also wissen Sie, als Bestatter macht man die alten Leutchen auch nicht… Da muss man schon warten können, bis so ein Laden insolvent ist.</p>
<p>Ach, schon eine ganze Zeit. Aber ging nicht mehr so gut, jetzt ist überall Kurzarbeit. Da mussten wir natürlich umsatteln. Und der Oskar, was mein Schwager ist, sagt er doch zu mir: Parteien. Ich wusste erst nicht, was er will, aber dann habe ich’s kapiert. Ja, und seitdem machen wir eben auch Parteienbestattungen.</p>
<p>Aber ja doch, das geht schon. Müssen Sie sich gar keine Gedanken machen. Ungewöhnlich? Wissen Sie, wenn eine Partei in die Jahre kommt, wenn’s nicht mehr richtig klappt – am Anfang werden sie alle etwas bockbeinig, passt dies nicht, passt das nicht, dann wollen sie nicht mehr hören, dann können sie auch nicht mehr hören – na, und irgendwann, wenn’s dann gar nichts mehr ist, nur noch eine Qual und wird und wird nicht, dann ist es ja wohl auch besser, wenn sie… Noch mal geregt? Ach, das sieht nur so aus. Manche denken ja, die sind dann nur scheintot, aber glauben Sie mir, das sind bloß noch Reflexe. Da ist nichts mehr.</p>
<p>Wie Sie das wollen. Kleines Programm, großes Programm, machen wir ja alles. Ich sag ja nur: der Kunde ist König, und gestorben wird immer. Ach was, das rechnet sich. Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Wissen Sie, irgendwie muss man ja unter die Erde kommen, und wenn Sie dann so letzten Endes… Und ob Sie die Mahagonitruhe nehmen oder Schlichtsarg, verdienen tun wir doch.</p>
<p>Ja, man muss in Übung bleiben. Da machen wir natürlich so manches. Gerade haben wir da einen Trauerfall reingekriegt, also ein Trauerfall ist es jetzt nicht, aber immerhin… Deutschland AG, kennen Sie? Das ist natürlich eine große Nummer, da brauchen wir schon ein ganzes Gräberfeld. Familiengruft reicht da nicht aus. Und dann natürlich piekfein, Sie, das sage ich Ihnen! Alles mit Marmor. Und die Sargträger, das sollen Sie mal sehen, der Ackermann ist auch dabei. Lässt er sich nicht nehmen. Obwohl er ja schon einen Nebenjob hat. Als Totengräber.</p>
<p>Na, das mit dem Einbalsamieren ist eher so eine Mode. Haben sie früher mit Lenin gemacht. Mit den anderen Päpsten, glaube ich, auch. Und heute? Da bröselt er so vor sich hin. Wie die KPD. Wissen Sie, diese ganzen Sachen, die man heute so macht, Plastinieren, das ist ja alles nichts. Ich frage Sie, wer stellt sich das hin? Das ist ja auch nur fürs Museum. Oder wollen Sie diese Grauen Panther bei sich haben? Im Wohnzimmer? Ich bitte Sie, das muss doch streng riechen! Und dann bröselt das und Sie kriegen das nicht mehr aus dem Teppich…</p>
<p>Da haben Sie Recht, Verbrennen und gut. Da hat man nur einen kleinen Grabstein, oder Sie nehmen ein bisschen Bodendecker, so Gestrüpp, das man nicht ständig… Ach wo, das ist alles machbar. Wir haben da schon die neuen Dinger aus Salz und Maisstärke und Flüssigholz, die packen Sie einmal in die feuchte Erde und das Zeug gammelt wie… Für die NPD dürfte eine Kleinurne ausreichen. So viel Asche ist da ja auch nicht mehr zu erwarten.</p>
<p>Sie hatten die klassische Erdbestattung in Erwägung gezogen? Gute Wahl, das wird ja gerne genommen. Katafalk? Und hatten Sie schon eine Vorstellung vom Blumenschmuck? Ganz schlicht, natürlich, das muss man ja auch nicht übertreiben. Haben Sie ganz Recht, das macht Ihre werte Verstorbene auch nicht wieder lebendig, und dann hat man ja auch… Nelken, geht klar. Und bei den Schleifen haben Sie auch sehr großen Spielraum. <em>Unvergessen</em>, ach wissen Sie, man soll nicht schon da mit dem Lügen anfangen. Wie wär’s denn mit <em>In dankbarer Erinnerung</em>, das trägt nicht ganz so auf – eben, man muss sich ja nicht gleich festlegen, wie lange. Das hätte sie selbst bestimmt auch so gewollt, nicht wahr?</p>
<p>Kondolenzbuch, habe ich, Kandelaber, dann die Orgel, wollen Sie Kinderchor? Ja, Kinderchor ist immer so hübsch traurig, dazu kann man so gut weinen. Und alles ganz schlicht, aber furchtbar ergreifend. Trauerrede? Sind Sie konfessionell gebunden? Ich meine natürlich die Verstorbene. Nein, Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen! Wir kriegen das schon hin. Lebendig begraben? Kann ich mir nicht vorstellen. Machen wir’s doch so: Sie rufen mich noch mal an, wenn die SPD wirklich hinüber ist, ja?“</p>
</div>]]></content:encoded>
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<title><![CDATA[Der Kämmerer des Schreckens]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/10/29/der-kammerer-des-schreckens/</link>
<pubDate>Wed, 28 Oct 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[Der Fahrstuhl ruckelte und zuckelte – plötzlich schoss er in die Höhe, obwohl es mich an die Decke z]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Der Fahrstuhl ruckelte und zuckelte – plötzlich schoss er in die Höhe, obwohl es mich an die Decke zu drücken schien. Wie in Trance sah ich, dass der Anzeiger auf 9¾ stehen blieb. Die Türen öffneten sich. Da stand Fählske. „Pünktlich auf die Minute“, lobte er, „treten Sie gleich herein, junger Freund!“ Kisten und Kästen verstopften die Korridore des Bundesministeriums der Finanzen. Sicher war noch Zeit, dass Peer Steinbrück einpacken könne. „Das kann er in der Tat“, bestätigte der Ministerialrat, „aber das hier gehört schon der neuen Führung. Wir stellen um.“ Umstellung? Würde es Aktendeckel in neuen Grautönen geben? ordentliche Buchführung? Was sollte das bedeuten? Fählske druckste herum. „Kommen Sie mit. Sie glauben es mir doch nicht, wenn Sie es nicht mit eigenen Augen sehen.“</p>
<p>Wir durchschritten die ministeriellen Korridore. Zwei Handwerker waren damit beschäftigt, eine Menge neuer Schilder an die Türen zu nageln. Ich stutzte. „Raum der Wünsche? Was hat denn das nun wieder zu bedeuten?“ Fählske zeichnete mit der Schuhspitze Kreise auf das Linoleum. „Es ist ja so: der Haushalt ist momentan, wie soll ich sagen… also es sieht gar nicht so gut aus, genauer gesagt, wir wissen eigentlich noch gar nicht, wie groß die Katastrophe ist. Und da muss man vorbeugen.“ „Sie wollen ernsthaft behaupten, dass Sie Ihren ganzen Laden jetzt nach dem Harry-Potter-Prinzip… nein, sagen Sie mir, dass das nicht wahr ist!“ „Ich weiß es doch selbst“, jammerte der Fiskalbeamte, „aber wir konnten nichts machen. Der Chef hat ja schon vorher einen Schatten gehabt, aber jetzt dreht er komplett durch!“ „Und was wird hier gemacht?“ „Nicht viel. Der Chef sitzt hier herum und murmelt stundenlang etwas von Aufschwung oder beschwört Wirtschaftswachstum von zwanzig Prozent herauf. Was sollen wir denn machen?“ Ja, was sollte man?</p>
<p>Weiter ging’s, rechts lag die Heulende Hütte für die Planungskommissionen des Koalitionsvertrags, links führte eine Tür zu Zonkos Scherzartikelladen, wo sich ein Team von Unternehmensberatern neue Steuern ausdenken sollte. „Die Rückwärtslauf-Abgabe, den progressiven Montag-bis-Mittwoch-Spitzensteuersatz und den Schluckauf-Freibetrag haben wir schon durchgekaut, aber der Verbotene Wald sagt, das ginge alles nicht.“ „Der Verbotene Wald?“ „Das Bundesverfassungsgericht natürlich. Ich vergaß zu erwähnen, dass wir auch einige neue Sprachregelungen eingeführt haben.“</p>
<p>Die Tür zur Magischen Menagerie war abgeschlossen. Fählske bedauerte: „An sich gar nicht so schlimm, es sind in Wirklichkeit nur kleine Puschelkätzchen und Wauwaus, die als reißende Raubtiere verkleidet werden. Völlig harmlos.“ Ich blieb skeptisch. „Und warum leisten Sie sich nicht richtige Giftschnecken?“ „Ich bitte Sie! Echte Steuerprüfer bei den Industrieunternehmen – das kann man der Wirtschaft ja nun wirklich nicht zumuten!“</p>
<p>„Cheffe? Wo stell ick’n Deluminator hin?“ Der Möbelpacker schleppte einen gewaltigen Karton die Treppe hinauf. Ich sah ihm interessiert zu. „Sie benutzen das Ding als Ortungsgerät, wenn Sie auf Sicht fahren?“ „Keinesfalls“, korrigierte Fählske, „wir setzen es seiner eigentlichen Bestimmung gemäß ein: als Verdunkelungsapparat.“ Das wollte ich nun genauer wissen: „Warum dies?“ „Wissen Sie eigentlich, wie lästig der Bundesrechnungshof sein kann?“ Ich begriff. „Und sicher haben Sie irgendwo auch ein Denkarium versteckt?“ „Das steht im Büro vom Herrn Minister. Wir wollten es eigentlich mit der Vorratsdatenspeicherung koppeln, aber die fällt jetzt ja nicht mehr in Schäubles Ressort. Und da mussten wir uns eben einiger anderer Mittel bedienen, wie Sie sehen.“</p>
<p>Das Zimmer am Ende des Flügels war mit schwarzem Samt ausgeschlagen; kryptische Zeichen an den Wänden ließen es wie einen Tempel erscheinen. „Das hier“, erklärte Fählske stolz, „wird der Durchbruch sein! Ab sofort gibt es keine Steuerausfälle mehr – das Problem ist für alle Zeit gelöst!“ „Online-Überwachung?“ „Viel besser“, warf er sich in die Brust, „ein Spickoskop! Ab jetzt gibt es keine Heimlichkeiten mehr. Wir erkennen jeden Steuerhinterzieher!“ „Na, das wird ja die Kollegen im Wirtschaftsministerium freuen. Oder wie handhaben Sie das mit den Steuergeschenken für die Großkonzerne?“ Fählske schlug eine Portiere zu einem Schränkchen auf. „Für unsere Leistungselite haben wir selbstverständlich noch an ein Verschwindekabinett gedacht. Bei genügend hohen Umsätzen sind Sie dabei – oder bei genügend hohen Schulden, je nachdem.“</p>
<p>Beschwingt lief er vor mir her. „Sogar die Kantine hat sich völlig verändert. Gut, der Bohneneintopf mit Ohrenschmalz ist nicht jedermanns Sache, aber Sie sollten einmal die Schokofrösche kosten – einfach zauberhaft!“ Und schon standen wir am Ende des Flurs. Die Tafel an der Wand verzeichnete alle Abteilungen des Finanzministeriums. „Magische Strafverfolgung“, las ich, „Internationale Magische Zusammenarbeit, Mysteriumsabteilung – das dient wohl auch Ihrer Verschleierungstaktik?“ „Ganz recht“, bestätigte er, „aber wir haben die Abteilung noch nicht besetzt. Vorerst brauchen wir alle im Deluminationsressort.“ „Und was machen Sie mit diesem Fachbereich?“ „Wir bereiten uns darauf vor, dass man den ganzen Mist, den wir hier produzieren, nicht merkt. Haushaltslöcher, Milchmädchenrechnungen, die ganzen Schuldenberge.“ Fassungslos blickte ich ihn an. Er legte mir tröstend seine Hand auf die Schulter „Na, halb so schlimm. In vier Jahren ist der ganze Zauber ja sowieso vorbei.“</p>
</div>]]></content:encoded>
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<title><![CDATA[Zimmer frei]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/10/28/zimmer-frei/</link>
<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 23:00:16 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„Du, Angela?“ „Ja, Horst?“ „Sag mal, hast Du den Stecker vom Kühlschrank rausgezogen?“ „Ich habe ihn]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„Du, Angela?“ „Ja, Horst?“ „Sag mal, hast Du den Stecker vom Kühlschrank rausgezogen?“ „Ich habe ihn gar nicht erst reingesteckt.“ „Aber warum denn, Angela?“ „Der Guido hat noch keinen Strom legen lassen, und ich dachte, wir könnten vielleicht die ersten paar Tage mal ohne…“ „Ja Himmisakrament, wo soll ich denn jetzt hin mit meinem Weißbier und dem Leberkäs? Seid’s denn narrisch geworden?“ „Jetzt reg Dich doch nicht so auf, Horst. Der Guido brauchte halt das Geld für die Betten.“ „Welche Betten? Ich dachte, wir haben gar kein Geld dazu?“ „Der Guido wollte aber neue Betten, da habe ich’s ihm erlaubt. Er hat mir keine Ruhe gelassen.“</p>
<p>„Shalim-Shalom-Shalömchen, ich bin’s, Euer Guido! Na, was geht ab?“ „Ich geb Dir gleich was-geht-ab, Du Bazi! Den Strom hast nicht bezahlt! Das geht doch nicht!“ „Mensch Horst, jetzt bleib mal locker – Deine Wurst kannst Du auch frisch kaufen und das Bier stellst Du einfach auf den Balkon!“ „Du Guido, wir haben keinen Balkon.“ „Wie, keinen Balkon?“ „Wenn ich’s Dir doch sage, wir haben keinen.“ „Aber ich will einen!“ „Du hast schon neue Betten gewollt, was war das wieder für ein Schmarrn?“ „Da sind sie doch, Horst. Gestern angeliefert.“ „Was? Wo?“ „Die kommen um halb elf zurück.“ „Wieso zurück?“ „Horst, der Guido hat halt die aus dem Kanzleramt genommen.“ „Aber dann haben wir doch im Kanzleramt keine mehr?“ „Eben. Aber wir werden eine Lösung anstreben für diese Problematik.“ „Sag einmal, Angie, bist jetzt auch deppert? Wir haben keine Betten hier!“ „Weil der Guido nicht die von Frank-Walter wollte. Da hat er ganz fest versprochen, dass es neue gibt.“ „Ja aber es gibt keine neuen und auch keine alten!“ „Jetzt macht hier mal keine Welle, Freunde! Wir haben neue Betten. Die stehen bloß im Kanzleramt. Die alten Feldbetten aus dem Keller. Die müssen wir bloß jeden Abend hier herüber…“</p>
<p>„Horst, jetzt lass doch! Der Guido meint es doch nur gut.“ „Der hat die Betten neu gekauft, die uns sowieso schon gehören und…“ „Ist ja gar nicht wahr!“ „Du hast da Geld zum Fenster rausgeworfen und wir haben immer noch keine Betten!“ „Ist ja nicht wahr, ist ja gar nicht wahr!“ „Und wo soll ich jetzt schlafen?“ „Du, Horst, das kriegen wir schon in den Griff. Wir können doch auch mal auf den Matratzen schlafen.“ „Äh, nein.“ „Wieso, Guido?“ „Das ist, ääh… ich habe die neuen Matratzen erst mal ins Leihhaus gebracht.“ „Wofür denn?“ „Damit ich die Bettgestelle kaufen kann.“ „Die uns sowieso schon gehören? Kruzitürken, und wo sind die alten Matratzen?“ „Die sind… also wir müssen da als Liberale auch eine eigene Note setzen und uns…“ „Jetzt sag’s halt endlich!“ „Horst, jetzt bleib doch mal ruhig! Es hat doch keinen Zweck, wenn Du Dich aufregst, es ist ja nicht mehr zu ändern jetzt. Der Guido hat sie auf den Sperrmüll gebracht.“ „Aber wir haben doch noch die Bettgestelle.“ „Im Kanzleramt.“ „Dann erhält das eben ab sofort die Aufgabe, uns ein attraktives Angebot zur freiwilligen Zusammenarbeit zu unterbreiten.“</p>
<p>„Und die Mietkaution? Habt Ihr die hinterlegt?“ „Ich dachte, das machst Du, Angela?“ „Warum denn ich?“ „Du bist doch die Hauptmieterin.“ „Ach Guido, das hatten wir doch schon besprochen. Ich mach das wie immer: ich halt mich aus allem raus.“ „So geht’s aber nicht, Angela! Du hast den Vertrag unterschrieben, also musst Du auch die Miete…“ „Miete? Ich dachte, das Haus gehört uns?“ „Horst, erklär ihr das doch noch mal, was ein Mietvertrag ist.“ „Zwecklos, Guido. Sie kapiert’s ja doch nicht.“ „Guido, das ist gemein von Dir! Ich finde, wir sollten Geschlossenheit zeigen und…“ „Angela, woher soll denn überhaupt die Miete kommen?“ „Sag Du’s mir.“ „Hast Du Dir da überhaupt keine Gedanken gemacht?“ „Also ich plane, ob eine Planfindungskommission…“ „Angela, das hilft uns nicht weiter.“ „Wir müssen uns etwas überlegen.“ „Das fällt Dir ja früh ein!“ „Wie können wir denn die Mietkosten wieder reinkriegen.“ „Arbeit?“ „Prima Idee, Guido! Damit erhöhen wir für uns den Anreiz, uns eine voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu suchen und anzunehmen. Das kann auch dazu beitragen, die Sozialkassen zu entlasten!“ „Kann, kann, kann – so ein Gelump, so ein damisches! ‚<em>Kann</em> die Hirndurchblutung fördern‘ – das hatte ich doch schon mal irgendwo gelesen?“ „Das sind die Pillen auf ihrem Nachttisch, Horst.“ „Ich hab’s! Wisst Ihr, wie viel so eine Poolreinigung kostet? Wir lassen einfach den Pool nicht mehr…“ „Angela, das Haus hat gar keinen Pool.“ „Hm. Das ist doof, Guido.“ „Warum?“ „Ich hatte das nämlich schon so mit dem Haushaltsgeld verrechnet.“ „Wie das denn?“ „Weil ich sonst die kapitalgedeckte Altersvorsorge für uns nicht bezahlen kann.“ „Welche Altersvorsorge?“ „Da war dieser nette Herr von der Versicherung, und ich wollte…“ „Was hast Du Dir da wieder für einen Blödsinn aufschwatzen lassen?“ „Also ich finde das voll okay, Horst. Da hat Angie mal richtig mitgedacht. Dann können wir nämlich im Alter die Miete davon…“ „Sakradi, und wovon bezahlen wir sie jetzt?“ „Horst, jetzt rede doch nicht alles klein. Ich hatte so schöne Zielvorstellungen, dass sich der Wettbewerb der Ideen im ständigen Bemühen um eine Erbringung des Mietzinses entfalten kann, wenn wir…“ „Ah bah, ein Schmarrn ist das!“ „Horst, jetzt sei kein Spielverderber! Et is noch immer jot jejange, wie wir Rheinländer…“ „Ein Schmarrn, sag ich! Wir sind hier schneller wieder draußen, als wir einziehen können!“ „Das glaube ich nicht. Wir haben uns nämlich ein tolles Gesetz ausgedacht. Damit dauert eine Räumungsklage jetzt mindestens vier Jahre!“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Abgewickelt]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/10/27/abgewickelt/</link>
<pubDate>Mon, 26 Oct 2009 23:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„Hallo, Zentrale? Stellen Sie mich doch jetzt mal in die Chefetage durch, das dauert ja wieder ewig!]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„Hallo, Zentrale? Stellen Sie mich doch jetzt mal in die Chefetage durch, das dauert ja wieder ewig! Arbeitet denn in dem Laden überhaupt noch einer? Hallo! Hallo! Na endlich, Menschenskind, das ist aber auch… Was soll ich denn da sagen, ich telefoniere Ihnen doch schon seit gestern hinterher, nie kriegt man mal einen ans Rohr. Ist doch wahr!</p>
<p>Also das muss ich Ihnen ja mal sagen, also wie Sie da gewirtschaftet haben – sagenhaft, die Karre an die Wand gefahren und dann schmeißen Sie das Geld mit beiden Händen zum Fenster… Jetzt unterbrechen Sie mich nicht, das kann ich gar nicht leiden! Jawohl, zum Fenster raus! Und Sie wundern sich, wenn Sie jetzt rechtliche Schwierigkeiten am Hals haben? Na Prost Mahlzeit, da werde ich doch gleich… Konzept erstellen, neue Impulse, ach hören Sie doch auf mit diesem ganzen Gewäsch. Das glaubt Ihnen doch keine Sau mehr. Sie haben die Leute von vorne bis hinten belogen, so sieht’s doch mal aus! Anstatt, dass Sie an Arbeitsplätze denken, nein, da muss die Dame natürlich auf dem internationalen Parkett… Ihre Aufgabe? Ich will Ihnen mal sagen, was Ihre Aufgabe ist. Ihre Aufgabe ist es, den Laden zusammenzuhalten und eine ordentliche Bilanz zu machen, so! Aber statt mal die Bücher unter die Lupe zu nehmen, warten Sie ja lieber, bis die Hütte brennt, und dann…</p>
<p>Jetzt mal ganz langsam – Sie haben das Geld einfach beiseite geschafft. An der Bilanz vorbei. Jawohl, an der Bilanz vorbei! Und dann immer mal hier und mal da noch in Schnickschnack investiert, aber keine Substanz mehr in der Kiste. Was soll man denn da noch groß sanieren? Da ist doch nichts mehr! Da ist doch einfach nichts mehr!</p>
<p>Stabile Entwicklung, ich bitte Sie, was ist denn heute noch stabil? Das stabilste ist doch Ihr ganzes Krisengejammer, so kriegt man doch keinen Aufschwung hin! Investitionsfreundliches Klima, das ist doch Kokolores, was glauben Sie eigentlich, was der kleine Mann auf der Straße von Ihnen denkt? Sie sind doch längst bankrott, und das wissen Sie genau so gut wie ich. Was reden Sie denn um den heißen Brei herum, das hätte man doch alles schon vor der… Kredit? Sie haben wohl einen Triller unterm Pony! In der Situation auch noch die Schulden vergrößern, wer macht denn so einen Unfug? Für die Wirtschaft? Wie bitte? Was glauben Sie denn, was die Wirtschaft von Ihnen erwartet? Die erwartet, dass Sie sich still und leise zum Sterben in die Ecke legen und uns nicht weiter mit Ihrer Inkompetenz belästigen!</p>
<p>Weil das eben alles von Vorgestern ist! Meine Güte, das ist doch so was von out, was Sie da machen. Haben Sie sich eigentlich schon jemals ernsthaft mit dem Thema Internet befasst? Ach Gott, das ist ja rührend, dass Sie sogar wissen, was ein Browser ist… Also jetzt alles nachmachen, was die anderen schon lange vor Ihnen gemacht haben, das bringt doch auch nichts. Das ist doch bloß Kosmetik. Sie haben eben den Zug der Zeit nicht mitbekommen, die Geschichte ist über Sie hinweg, da kommt auch nichts mehr. Da kommt nichts!</p>
<p>Das verstehen Sie unter sozialer Gerechtigkeit, wenn Sie ein Drittel ersatzlos streichen? Sind Sie denn vom Wahnsinn umzingelt? Damit können Sie sich doch nicht mehr vor Ihre eigene Mannschaft stellen, die werden Sie glatt… Ach, die Leute sind Ihnen egal? Was? Die haben zu kuschen? Das nenne ich mal Verantwortungsbewusstsein – in der Krise mit Geld um sich schmeißen, das dann später fehlt, große Versprechungen machen, dass jeder weiß, Sie können sowieso nichts einhalten, und wenn das Ding platzt, dann dürfen es die kleinen Leute ausbaden, weil Sie gerade keine Lust haben, sich damit zu befassen. Nein, ist es nicht! Ich nenne das Feigheit, damit Sie’s nur wissen! Feigheit, Charakterlosigkeit und Opportunismus! Ihnen kommt es doch gar nicht auf eine Lösung an, Sie wollen doch bloß in die Medien, um ein bisschen über die Probleme zu schwafeln und eine möglichst hübsche Figur zu machen. Was ist denn daran bitte Verantwortung? Das wollen Sie mir doch nicht ernsthaft weismachen!</p>
<p>Vorfinanzierung, das ist doch lächerlich, haben Sie denn eine Glaskugel? Drucken Sie Ihr Geld selbst? Was soll denn eine Vorfinanzierung? Sie können doch aus dem Budget nicht mehr rausholen, als drin ist. Wo nehmen Sie denn das Geld her? Also an das Märchen mit der Portokasse glaube ich ja schon lange nicht mehr, das können Sie Ihrer Großmutter erzählen. Und wenn Ihr Management sowieso der Meinung ist, dass diese ganze Blase platzt, was tricksen Sie denn jetzt noch damit herum? Um die letzte Glaubwürdigkeit auch noch zu verspielen? Wollen Sie das wirklich?</p>
<p>Gehen Sie mir doch ab! Strategische Neuausrichtung, das hat doch noch nie geklappt! Was wollen Sie denn da auch groß ausrichten, der ganze Laden ist doch leer! Da ist doch nichts mehr zu holen! Ja, Öffentlichkeitsarbeit, Bürgernähe – ich will es mal so sagen: der Bürger ist doch inzwischen froh, wenn er mal einen Tag lang nichts von Ihnen mitbekommt. Die Leute können es doch nicht mehr hören, die schalten doch den Fernseher ab, wenn sie nur… Hallo? Hallo? Sind Sie noch dran? Hallo? Sie haben gar keinen Grund, hier die beleidigte Leberwurst zu… Das Spiel ist aus, Karstadt und Quelle sind pleite, Sie können jetzt nur noch den Insolvenzverwalter… was, nicht Arcandor? Mit wem rede ich denn da die ganze Zeit? Was? Hallo? Frau Merkel? Hallo! Hallo! – Falsch verbunden. Oder doch nicht?“</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Schneegestöber]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/10/26/schneegestober/</link>
<pubDate>Sun, 25 Oct 2009 23:00:03 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[03:19 – Schwere Träume vom Stalingrader Kessel, nächtlicher Harndrang sowie das Schnarchen seiner Ga]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>03:19 – Schwere Träume vom Stalingrader Kessel, nächtlicher Harndrang sowie das Schnarchen seiner Gattin reißen den Rentner Karlheinz D. (85) aus dem Schlaf. Ein Blick aus dem Wohnzimmerfenster lässt ihn augenblicklich jede Müdigkeit vergessen. Eine weißliche Substanz flirrt im matten Licht der Straßenlaterne – der erste Schnee. Unverzüglich schlüpft D. in Hemd und Hose, um seinen Pflichten als Hauswart nachzukommen.</p>
<p>04:54 – Karlheinz D. hat inzwischen die komplette linke Seite des Kiebitzwegs zwischen Amselstraße und Drosselredder mit Rollsplitt abgestreut; der Gehsteig liegt mit geringen Schwankungen unter sieben Millimetern Brechsand, was D., bäuchlings an der Straßenkante liegend, unter Zuhilfenahme einer Halogenleuchte penibel kontrolliert.</p>
<p>04:56 – Erwin M. (88), wohnhaft auf der rechten Straßenseite des Kiebitzwegs, tritt den ersten Kontrollgang des jungen Oktobermorgens an. Aufgeschreckt durch die Mineralausbringung auf dem gegenüber liegenden Gehsteig betrachtet er intensiv die Fahrbahn, worauf ihm, der noch seine Lesebrille trägt, ein Styroporteilchen ins Auge fällt. Er handelt unverzüglich und ruft seinen Neffen Ernst P. (59) an.</p>
<p>05:01 – Trotz der frühen Stunde zeigt sich Ernst P. zum Handeln entschlossen. Die beiden von M. auf der Fahrbahn verstreuten Eimer Sand werden nicht die einzige Maßnahme gegen den verfrühten Wintereinbruch bleiben. P. verspricht, sich bei den Frühschichtkollegen der Straßenreinigung für einen flächendeckenden Einsatz von Räum- und Streufahrzeugen auszusprechen.</p>
<p>05:39 – Als der Sozialpädagoge Lutz G. (45) wie immer um diese Zeit das Haus verlässt, um beim Bäcker in der Amselstraße Frühstücksbrötchen zu holen, bemerkt er die Straßenverhältnisse. Minuten später holt er die Schneeketten aus dem Keller, um sein Auto an die saisonalen Verkehrsbedingungen anzupassen.</p>
<p>06:22 – Mild, ja frühlingshaft bescheint das Morgenlicht die Szenerie, in der dreiundvierzig mitten im Berufsleben stehende Bürger ihre Kraftwagen winterfest machen. Eifrig montieren sie Winterreifen, tragen rhythmisch Schutzpolitur auf und befüllen die Scheibenwaschanlagen mit Frostschutzmittel. Vereinzelte Feindseligkeiten schlagen der Verkäuferin Amelie K. (33) entgegen; die alleinerziehende Mutter erdreistet sich, ohne jegliche Vorsorgemaßnahmen in ihren Kleinwagen zu steigen und zur Arbeit zu fahren.</p>
<p>06:52 – Der Appell hatte gefruchtet. Unter der Oberleitung von Kolonnenführer Ernst P., der mit schwerem Räumfahrzeug die Geröllschicht um eine vertikal gemessene Handbreite an Schlacke ergänzt, schütten die folgenden Laster jeweils genug Sand und Streusalz aus, um den sibirischen Permafrost in Schneematsch zu verwandeln. Keiner bemerkt die heldenhafte Handlung; die vorbeugenden Familienväter befinden sich noch beim Frühstück oder entledigen sich schon der Schmierölreste.</p>
<p>07:11 – Trotz zahlreicher Versuche, die Fahrertür seiner Limousine zu öffnen, scheitert Lutz G. an der schieren Menge des Schleuderschutzes. Mit einem Wutanfall konstatiert er, dass das zwanghafte Schieben an der Türunterkante zu erheblichen Lackschäden geführt hat.</p>
<p>07:23 – Durch den herzhaften Einsatz einer Schneeschaufel befreit Gunnar Sch. (38) den Bodenbereich vor seinem Geländewagen. Das hochbeinige Gefährt ermöglicht dem passionierten Stadtverkehrsfahrer zunächst mühelos, auf die Sandschicht zu steigen, bevor das Sperrdifferenzial seine Mitarbeit verweigert. Während die Räder mit unmelodiösem Knirschen sich in den Splitt fressen, neigt sich der Offroader majestätisch zur Seite, um endlich seine Stabilität wiederzufinden. Ein letztes Aufheulen des Motors, dann ruht das robuste Auto auf der Fahrertür.</p>
<p>07:31 – Mit gehöriger Verspätung biegt der Auszubildende Kevin W. (17) auf seinem Mofa in den Kiebitzweg ein. Zwar bringt die Maschine nur die ordnungsgemäßen 30 Stundenkilometer auf den Tacho, doch erweist sich der plötzliche Wechsel des Bodenprofils als problematisch. Trotz gekonnter Lenkimpulstechnik neigt der Zweitakter hier und da stark zum Ausbrechen, namentlich in unmittelbarer Nähe des Luxuswagens, den Dr. Heiko F. (33) bereits mit Schneeketten ausgerüstet hatte, um den Weg in die Zahnarztpraxis anzutreten. Ein dumpfer Stoß, dann trifft die Wucht des Aufpralls den Außenspiegel, der seine Flugbahn bis in die Blumenrabatten des Vorgartens fortsetzt. W. entscheidet sich, nicht mehr als zweimal pro Woche zu spät in seinem Lehrbetrieb zu erscheinen.</p>
<p>07:32 – Wutentbrannt stürmt F. aus dem Haus. Zunächst glaubt er, der Knall sei eine Folge des Wiedereinparkens des auf der gegenüber liegenden Straßenseite stehenden asiatischen Kleinwagens, der den Spuren im Rollsplitt zufolge in die Mulde gesunken sein muss. In einem zweiten Schritt interpretiert er jedoch die schlingernden Abdrücke als Tatbeweis für eine stattgefunden Kollision mit seinem Wagen.</p>
<p>07:35 – Der Dentist bahnt sich seinen Weg über Sand und Schlacke, um den eilig aus dem Keller gewuchteten Vorschlaghammer zum Einsatz zu bringen; unter groben Hieben klirrt Scheibe um Scheibe splitternd auf, bis F. die Karosserie einer systematischen Materialkaltverformung unterzieht.</p>
<p>07:38 – Kleinwagenhalter Zbigniew D. (35), bei einer Körpergröße von 1,84 m mit dem Gewicht von 90 kg Muskelmasse ausgestattet, schaut dem destruktiven Treiben an seinem Eigentum für Sekundenbruchteile zu, bevor er auf die Straße stürzt. Der ehemalige polnische Meister im Hammerwerfen schlenzt das Instrument mit grazilem Schwung durch beide Seitenscheiben von F.s Nobelkarosse, bevor er den Zahnmediziner zur Rede stellt. Ein Wort gibt das andere. Später ist nicht mehr festzustellen, wann genau F. den etwas komplizierteren Kieferbruch erlitten hatte.</p>
<p>08:02 – Das markante Klopfen an seiner Haustür veranlasst Erwin M., die Pforte zu öffnen; erstaunt muss er sehen, dass sich drei Dutzend Mitglieder der Initiative <em>BürgerInnen für Umwelt und Nachhaltigkeit</em> versammelt haben, um dem unverantwortlichen Streusalzverbrauch mit dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung zu begegnen. M. ist nachhaltig irritiert.</p>
<p>08:19 – Die UmweltbürgerInnen entrollen Transparente mit den Aufschriften <em>Hier wohnt ein Ökonazi</em> und <em>Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Gürtelgrasfink</em>. Eine mitgeführte Trittleiter sowie ein batteriebetriebenes Megafon dienen Gundemarie-Anita G.-L. (46), ein mehrseitiges Manifest über politische Aspekte der Grundwasserneutralität zu verlesen. Sprechchöre unterbrechen sie mehrmals und deutlich jenseits der Lärmschutzverordnung.</p>
<p>08:30 – Schichtarbeiter Diether A. (55) weiß sich nicht anders zu helfen. Er reißt die Flügel seines Schlafzimmerfensters auf und fordert G.-L. mit den Worten <em>„Schnauze, Ökomuschi!“</em> zum Überdenken ihrer konzeptuellen Herangehensweise auf.</p>
<p>08:34 – Völlig unbemerkt hat sich der Durchgangsverkehr aus Richtung Berseburg-Nord bereits sieben Kilometer lang aufgestaut. Die Berseburger Chaussee, obzwar sie der Durchfahrt durch die Siedlung Kiebitzweg nicht zwingend bedarf, ist ab Höhe Drosselredder dicht. Der Verkehrsfunk warnt vor Auffahrunfällen.</p>
<p>08:44 – Karlheinz D. entdeckt beim Betreten der Fahrbahn ein zusammengeknülltes Stück Papier. Vom optischen Eindruck der weißen Substanz angestachelt begibt er sich sofort in den Keller seines Hauses, um die Vorräte an Streusalz in Blecheimer zu verladen, mit denen er kurze Zeit später zurückkehrt.</p>
<p>08:58 – Die nachhaltig für Gewässerschutz eintretenden Frauen treten nun nachhaltig auf D. ein, der sich mit jeweils einem Eimer in der Hand erbittert zur Wehr setzt. Beim Ausweichen gerät die umweltpolitische Sprecherin der just gegründeten Kleinpartei <em>Menschen beiderlei Geschlechts und/oder Haarfarbe für den Weltfrieden unter besonderer Berücksichtigung legasthenischer VeganerInnen</em> Belinda M.-N. (51) ins Stolpern und bricht sich einen Fingernagel ab. Man beschließt, D. vor das Internationale Kriegsgericht zu stellen.</p>
<p>09:04 – Farbenfroh berichtet Zbigniew D. der Einsatzleitstelle vom Geschehen im Kiebitzweg. In seiner Aufregung fällt ihm manches Wort nur in seiner Muttersprache ein, so dass er sich auf die Mitteilung des Sachverhalts in recht konzentrierter Form beschränkt. Die Kombination von <em>Schnee</em>, <em>Bande</em> und <em>Krieg auf Straße</em> hinterlässt bei seinem Gesprächspartner einen tiefen Eindruck.</p>
<p>09:13 – Das sonore Geräusch der Helikopterstaffel verunsichert die tätige Menge. Erst als sich die Antiterroreinheit abseilt und den Straßenzug stürmt, bricht Panik aus. Die Kampfhandlungen sind verhältnismäßig einseitig; das Gemisch aus Splitt, Sand und Salz gibt schon nach wenigen Schritten nach, so dass die Kontrahenten nicht selten knietief in die Decke einsinken. Die Mannstoppwirkung der Gummigeschosse vermag sich nur eingeschränkt zu entfalten, die mit Holzpflöcken und Besen ausgerüsteten Naturfreundinnen sind taktisch klar im Vorteil.</p>
<p>09:27 – Ingrimmig öffnet Diether A. erneut das Fenster, um den Tagesschlaf des Werktätigen einzufordern. Er zieht dabei deutliche Parallelen zwischen den uniformierten Staatsdienern und übel beleumundeten Nagetieren. Im Eifer des Gefechts feuert Einsatzleiter Kai T. (29) den letzten verbliebenen Gummipfropf in die Radarfalle an der Ecke Amselstraße. Es fällt nicht weiter auf; mit einem Knall zieht A. zeitgleich die Fensterflügel zu. So endet ein Morgen in einer Vorortsiedlung, an dem die Menschen einfach nur die milde Luft eines Herbsttages genießen wollten.</p>
</div>]]></content:encoded>
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<title><![CDATA[Geschichtsbetrachtung für Fortgeschrittene]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/10/25/geschichtsbetrachtung-fur-fortgeschrittene/</link>
<pubDate>Sat, 24 Oct 2009 22:00:00 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[für Robert Gernhardt Adolf Hitler, sagt man heute, war ein dummes Schwein. Dabei muss man stets bede]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p style="text-align:right;"><em>für Robert Gernhardt</em></p>
<p>Adolf Hitler, sagt man heute,<br />
war ein dummes Schwein.<br />
Dabei muss man stets bedenken:<br />
er war’s nicht allein.</p>
<p>Joseph Goebbels, hört man öfters,<br />
war ein feiger Hund.<br />
Nicht gelogen, doch genauso<br />
war er Führers Mund.</p>
<p>Hermann Göring, liest man manchmal –<br />
diese blöde Sau!<br />
Ebenso bleibt das historisch<br />
reichlich ungenau.</p>
</div>]]></content:encoded>
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<title><![CDATA[Fluchtlinientreu]]></title>
<link>http://zynaesthesie.wordpress.com/2009/10/22/fluchtlinientreu/</link>
<pubDate>Wed, 21 Oct 2009 22:00:01 +0000</pubDate>
<dc:creator>bee</dc:creator>
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<description><![CDATA[„Ja, stellen Sie gleich durch. Ich warte. Was wollen Sie denn schon wieder, Schwarzkopf? Ich hatte I]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>„Ja, stellen Sie gleich durch. Ich warte. Was wollen Sie denn schon wieder, Schwarzkopf? Ich hatte Ihnen doch ausdrücklich gesagt, der Artikel über den Gesundheitsfonds kommt nicht auf den Titel, sonst macht der Verlag wieder Stress! Was soll ich denn mit so einer Negativschlagzeile, da werden die Aktionäre doch in der Pfanne verrückt. Außerdem ist das alles an den Haaren herbeigezogen, da haben sich ein paar Idioten eine völlig unfinanzierbare… Nein, nicht Sie. Ich rede mit meinem Redakteur. Ist er denn inzwischen wieder im Haus? Nicht? Und was mache ich jetzt?</p>
<p>Ja, das wäre mir am liebsten, aber wir hatten das doch letzte Woche auch alles schon fest abgemacht. Na selbstverständlich, es war alles abgemacht. Mit dem Fotografen, und wie er sich ein Brot schmiert, im Schlafzimmer mit… Sahra Wagenknecht? Nö, die will hier auch keiner. Trotzdem. Es gibt noch ein paar mehr Schnallen mit einer hübschen Fresse, deshalb kommt mir die Frau trotzdem nicht ins Blatt. Schon gar nicht für eine Homestory. Ach hören Sie doch auf, das haben wir schon so oft durchgekaut. Die Alte zieht nur bei den Ultras.</p>
<p>Dann haben wir noch den Termin bei der nächsten Demo. Da schicken wir einen Fotografen hin und den Bericht macht der Blömelein aus der Lokalredaktion. Was ist denn an dem auszusetzen? Ach, ich bitte Sie. Im RCDS, da waren wir doch alle mal, und das ist jetzt fast dreißig Jahre… Gut, wer wäre Ihnen denn genehm? Grigoleit? Der arbeitet doch seit Jahren nicht mehr bei uns. Was heißt hier, das hätten wir wissen können? dass er IM war, weil er aus Jena kommt? Ist doch albern!</p>
<p>Also was jetzt, Demo oder nicht Demo? Keine Zeit? Da ist er im… Aber Sie wollten doch die Homestory und den ganzen… Was ist denn jetzt schon wieder? Schwarzkopf, können Sie nicht einmal etwas selbstständig machen? Müntefering? Ja, auf die Titelseite. Oder warten Sie mal: Headline auf den Titel, warten Sie mal… ‚Müntefering: Das war’s dann wohl‘, Bild und dann weiter auf Seite 2. Und lassen Sie Pitrowski den Leitartikel schreiben. Sind Sie noch dran? Was heißt hier abgelenkt, ich muss mich um den laufenden Betrieb kümmern, wer hier stört, das sind doch wohl… Populismus? Wir? Das müssen gerade Sie sagen!</p>
<p>Dann wäre da noch die Antiamerikanismus-Konferenz nächsten Monat, wo Sie unbedingt den Redebeitrag abgedruckt haben wollten. Wir haben mit dem Verlag gesprochen, das wäre nicht das Problem, wenn Sie… Nicht? Aber die Plakate sind bereits gedruckt! Ja Herrschaftszeiten, Sie haben ein halbes Jahr lang gebettelt, dass wir das Ding ins Feuilleton aufnehmen, wir haben unsere Inserenten bearbeitet, dass sie mitspielen, und dann hat der Herr keine Lust mehr? Terminschwierigkeiten? Ach, auf einmal. Das ist ja großartig. Dabei hat er doch wochenlang vorher dem Veranstalter immer wieder erzählt, was er alles besser machen würde, wenn er denn tatsächlich mal… So, und deshalb hat er auch seine Mitwirkung nicht… hören Sie mal, das ist doch lächerlich!</p>
<p>Wählertäuschung? Wer hat das denn abgelehnt, das war doch wohl er selbst! Wählertäuschung – da kann er sich doch an die eigene Nase fassen. Lang genug dürfte die ja sein! Dass wir was? Für ein Drei-Minuten-Interview mit vorher eingereichten Fragen? einen ganzen Tag mit zwei Reportern? Das ist doch nicht Ihr Ernst! Nur, weil wir Springer-Presse sind, werden wir doch nicht Ihrem Herrn Kandidaten hinterher hüpfen!</p>
<p>Er hat bitte was gesagt? Er hat sich über meinen autoritären… Schwarzkopf, was ist denn jetzt schon wieder? Die Junge Union? Was soll die Merkel gesagt haben? Das glauben Sie doch selbst nicht! Nein, ausgeschlossen. Nicht, weil das justiziabel wäre, aber einen so klaren Gedanken in einem einzigen Satz auszudrücken, das traue ich ihr einfach nicht… Sind Sie noch dran? Also was meinen autoritären Führungsstil angeht, ich bin hier der Chefradakteur, und wenn Sie der Meinung sind, dass ich in meinem eigenen Unternehmen nicht… ja, aber ich mache das dann auch. Hier wird nämlich gearbeitet, wenn Sie das noch nicht bemerkt haben sollten.</p>
<p>Unmöglich! Das machen wir nicht! Nein, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen! Warum? Weil wir das schon im letzten Jahr hatten. Zwei Wochen lang haben sich unsere Kollegen im Fitness-Studio abgestrampelt, um Kondition zu bekommen, dann treten sie zum Marathon an und stellen fest, dass er gar nicht erst… Ach was, Haarspalterei, wenn wir das hätten vorher wissen können, wären wir sicher nicht erschienen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Sie jammern uns hinterher mit irgendwelchen Interviewterminen, und dabei wissen wir doch längst vorher, was er uns sagen wird, weil er das immer schon gesagt hat: er hat das ja immer schon gesagt. Glauben Sie echt, dass wir das brauchen?</p>
<p>Selbstkritik? Wir sollten mal wieder Selbstkritik üben? Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Wir? Was? regierungsfreundlich? vor der Wahl? Herr, wir sind ein überparteiliches Blatt und lassen uns nicht vorschreiben, wie wir vor der Wahl die Kandidaten… Und deshalb hat er seine Selbstdarstellung gar nicht erst bei uns? Weil wir was sind? Ein rechtes Schmierblatt? Ich geb’ Ihnen rechtes Schmierblatt, dann… Hallo? Sind Sie noch dran? – Verdammt noch mal, dass dieser Lafontaine aber auch nie etwas zu Ende kriegt!“</p>
</div>]]></content:encoded>
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