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	<title>schwerpunkt-mafia &amp;laquo; WordPress.com Tag Feed</title>
	<link>http://en.wordpress.com/tag/schwerpunkt-mafia/</link>
	<description>Feed of posts on WordPress.com tagged "schwerpunkt-mafia"</description>
	<pubDate>Wed, 30 Dec 2009 00:20:48 +0000</pubDate>

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	<language>en</language>

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<title><![CDATA[Moderne vs. Mafia - eine funktionalistische Sichtweise: Die Moderne als Importware]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/05/24/moderne-vs-mafia-eine-funktionalistische-sichtweise-teil-i-die-moderne-als-importware/</link>
<pubDate>Sat, 24 May 2008 12:00:28 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
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<description><![CDATA[Posted by Martin Booker Eines vorweg: Puristen mögen mir den wenig differenzierten Umgang mit dem Be]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><em>Posted by Martin Booker</em></p>
<p>Eines vorweg: Puristen mögen mir den wenig differenzierten Umgang mit dem Begriff &#8220;Moderne&#8221; verzeihen. Für diesen Artikel halte ich die praktizierte Art und Weise aber für ausreichend. Mehr zum Thema Moderne in diesem guten <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Moderne">Wikipedia-Artikel</a>.</p>
<p>Die Moderne ist vor allem eine nordeuropäische Unternehmung, streng genommen könnte man vielleicht sogar von einem anglo-amerkanischen Projekt sprechen. Dort bildeten sich jene Strukturmerkmale zuerst heraus, die wir heute gerne unter dem Begriff &#8220;Moderne&#8221; zusammenfassen: Demokratie, Freiheitsrechte, freie Marktwirtschaft, die Gleichheit vor dem Gesetz. Während sich die französichen Revolutionäre &#8220;Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit&#8221; auf die Fahnen schrieben (aber den eigenen Ansprüchen keineswegs gerecht wurden), waren diese Prinzipien in Großbritannien und v.a. den jungen USA bereits in gewissem Umfang Realität. So zumindest die Beobachtung einer Reihe von französischen Intellektuellen von Tocqueville bis Baudrillard.</p>
<p>Heute hat sich diese angelsächsische Version der Moderne in vielen Staaten der Welt mehr oder weniger durchgesetzt. Insbesondere das weltumspannende britische Empire, zwei gewonnene Weltkriege und der Konformitätsdruck im Westblock des Kalten Krieges beschleunigten diesen Prozess. Wo liegt jedoch der Unterschied zwischen einer Moderne, die evolutionär im Laufe von Jahrhunderten gewachsen ist und einer Moderne, die importiert wurde und auf eine andere und anders gewachsene Kultur aufbauen muss? <!--more--></p>
<p>Die Demokratie braucht Demokraten. Das Rechtssystem braucht Bürger, die das Recht respektieren. Die freie Marktwirtschaft braucht Unternehmer. Die Grundsätze von Freiheit und Gleichheit brauchen Menschen, die sich dafür einsetzen.</p>
<p>In einer evolutionären Entwicklung wie in Großbritannien und ihren Ablegern stellt dies kein großes Problem dar. Hier war die Entwicklung einer entsprechende Kultur, also jener Werte und Normen, welche die Moderne und ihre Prinzipien stützen, Voraussetzung für die Herausbildung von entsprechenden Systemen. Die Systemelemente &#8220;demokratische Verfasstheit des Staates&#8221;, &#8220;liberale Bürgerrechte&#8221;, &#8220;freier Marktzugang für Alle&#8221; etc. waren also hier v.a. Ergebnis von Entwicklungen in der Kultur Großbritanniens. Die Menschen entwickelten eine Wertschätzung für jene Prinzipien und forderten nach und nach deren Umsetzung in den Systemen der Gesellschaft. Die Moderne im angelsächsischen Raum (und dies gilt in Abstufungen für alle protestantisch geprägten Gesellschaften) ist also das Ergebnis einer Bewegung &#8220;von unten&#8221;.</p>
<p>In den meisten Ländern jedoch ist die &#8220;Moderne&#8221; zunächst eine Ideologie, die von außen an die Gesellschaft herangetragen wird. Meist im Zuge einer Neuordnung des Staates wurden bestimmte Strukturmerkmale übernommen, die mehr oder weniger mit der gewachsenen Kultur, mit den bestehenden Werten und Normen der Gesellschaft übereinstimmen. Grob gesagt: Je nachdem, wie groß die Übereinstimmung zwischen System und Kultur ist, funktioniert der Staat (egal ob demokratisch, autoritär oder totalitär) besser oder schlechter. In der jungen deutschen Republik der 50er Jahre war etwa gar nicht klar, ob das Land auf &#8220;Westkurs&#8221; bleiben würde.</p>
<p>In jene Zeit fällt auch die berühmte Untersuchung von Almond und Verba über die &#8220;Civic Culture&#8221; in fünf verschiedenen Ländern. Die beiden Soziologen untersuchten den Zustand der demokratischen Kultur in Deutschland, Großbritannien, den USA, Italien und Mexiko. Die zugrunde liegende Hypothese: Je ausgereifter die Civic Culture (eine Mischung aus Partizipation am politischen Leben, politischer Bildung, ein Vertrauen in die demokratischen Institutionen, gepaart mit einer Prise Gehorsam und Pflichtbewusstsein), desto stabiler auch das demokratische System.</p>
<p>Der geneigt Leser mag sich nun schon gefragt haben, wo denn die in der Überschrift versprochene Mafia bleibt <img src='http://s.wordpress.com/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';-)' class='wp-smiley' />  Hier kommt sie ins Spiel: Die Mafia (und ihre verwandten Organisationen in Süditalien) bauen auf eine fehlende Kultur der Moderne auf. Der italienische Staat ist zwar als moderne Demokratie verfasst, es fehlt jedoch an einer demokratischen Kultur, an einer Gemeinwohlorientierung der politischen Akteure, an einer universalistischen Rechtskultur, an einem freien Unternehmergeist.</p>
<p>Diese Diskrepanz zwischen System und Kultur lässt zahlreiche Lücken in den einzelnen Bereichen (oder &#8211; in funktionalistendeutsch: Dysfunktionalitäten) entstehen, in denen die Mafia sich eingenistet hat. Wo das Rechtssystem aufgrund der fehlenden Rechtsstaatskultur versagt, gilt mafioses Recht. Wo der Arbeitsmarkt nicht funktioniert, schafft die ehrenwerte Gesellschaft Abhilfe. Das sog. &#8220;demokratische System&#8221; wird von vielen Wählern gerne eingetauscht mit dem Verkauf der Wahlstimme an die Cosa Nostra. Die Mafia übernimmt in einem gewissen Grad die Funktionen, die in Nordeuropa der Staat übernommen hat, die aber der italienische Staat nie erfüllen konnte.</p>
<p>Wie dies alles konkret aussieht, werde ich im zweiten Teil dieser Miniserie darlegen: Inwiefern profitiert die Mafia von der Dysfunktionalität der italienischen Demokratie? Und im Spiegelbild: Inwiefern verdankt sich die relative Funktionalität der nordeuropäischen Staaten (damit meine ich etwa Großbritannien oder Deutschland) einer &#8220;modernen&#8221; Kultur, die wir für selbstverständlich halten, die es aber keineswegs ist?</p>
<p><em>Martin Booker ©2008</em></p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Wahlen in Italien: Die Wahlstimmentricks der Mafia]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/04/12/wahlen-in-italien-die-wahlstimmentricks-der-mafia/</link>
<pubDate>Sat, 12 Apr 2008 20:12:06 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
<guid>http://homosociologicus.de/2008/04/12/wahlen-in-italien-die-wahlstimmentricks-der-mafia/</guid>
<description><![CDATA[Posted by Martin Booker Wie heute in der SZ zu lesen ist, wird es den Italienerinnen und Italienern ]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><em>Posted by Martin Booker</em></p>
<p>Wie heute in der SZ zu lesen ist, wird es den Italienerinnen und Italienern bei den Wahlen morgen verboten sein, Fotohandys oder Fotoapparate mit in die Wahlkabinen zu nehmen (<a href="http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/879/168393/">zum Artikel</a>). Dies soll eine in vielen Gebieten v.a. Süditaliens übliche Praxis der Mafia unterbinden. Die nämlich zahlt den Wählern kleinere Beträge, wenn sie ihre Stimme an einen bestimmten Kandidaten geben. Und dokumentieren kann man das eben am besten, wenn man vor der Stimmabgabe in der Wahlkabine noch schnell ein Foto des richtig ausgefüllten Stimmzettels macht und anschließend dem vor dem Wahllokal wartenden Mafioso zeigt.</p>
<p>Die Mafia in Italien gilt vielen als bewaffneter Arm der Politik. Viele Regierungen der Vergangenheit (insbesondere jene der Christdemokraten) konnten sich auf eine hohe Zustimmung aus dem Süden des Landes stützen. Abgeordnete kauften Stimmen von der Mafia und ließen ihr und ihren Handlangern im Gegenzug öffentliche Aufträge zukommen oder intervenierten, wenn die Justiz mal wieder zu neugierig wurde.  Die Mafia ist also nicht unbedingt (bzw. nicht nur) ein Staat <em>im</em> Staat und tritt in Konkurrenz zu ihm. Vielmehr ist sie mit dem Staat und der Politik selbst sehr eng verbunden und kooperiert bisweilen mit ihr. Der Staat ist in Italien teilweise selbst die Mafia. Dies gilt übrigens insbesondere für die N&#8217;drangheta in Kalabrien, in weniger starkem Maße für die Mafia in Sizilien, noch etwas weniger für die Camorra in Kampanien. In Russland etwa und in vielen Osteuropäischen Ländern finden sich ähnliche Strukturen.</p>
<p>Doch auch das Fotohandyverbot wird die Wahlbetrüger nicht stoppen. Eine andere, traditionellere Methode der Mafia, die &#8220;richtige&#8221; Wahl festzustellen und anschleißend zu belohnen, funktioniert folgendermaßen: Ein Mitarbeiter des Wahllokals schmuggelt einen Stimmzettel aus dem Lokal. Ein Herr der &#8220;ehrenwerten Gesellschaft&#8221;  füllt nun den Bogen mit der/den gewünschten Stimmen aus und postiert sich vor dem Wahllokal. Der ausgefüllte Stimmzettel wird an einen bereitwilligen Wähler gegeben, der in das Wahllokal geht, heimlich den manipulierten Zettel einwirft und mit dem eigenen, noch leeren Stimmzettel wieder herauskommt und dem Mafioso aushändigt. So kann er sicherstellen, dass der oder die Wähler/in auch den oder die Richtige/n gewählt hat. Der leere Stimmzettel wird wiederum von dem &#8220;Ehrenmann&#8221; ausgefüllt und an den nächsten weitergegeben. Das Spiel beginnt von vorne.</p>
<p>Übrigens sind am Sonntag auch Wahlen zum Provinzparlament in Sizilien &#8211; und auch dort geht es um viel und unter anderem um die Frage, ob der Mafia weitere entscheidende Schläge verpasst werden können. Dazu mehr in den nächsten Tagen. Bis dahin verweise ich auf unseren &#8220;<a href="http://homosociologicus.wordpress.com/category/schwerpunkt-mafia/">Schwerpunkt Mafia</a>&#8220;, unter dem bereits zahlreiche Artikel zu dem Thema erschienen sind.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Schöne Aussichten für Sizilien - Ein Interview mit Enrico Bellavia]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/03/25/schone-aussichten-fur-sizilien-ein-interview-mit-enrico-bellavia/</link>
<pubDate>Tue, 25 Mar 2008 12:56:13 +0000</pubDate>
<dc:creator>Stefan Spiess</dc:creator>
<guid>http://homosociologicus.de/2008/03/25/schone-aussichten-fur-sizilien-ein-interview-mit-enrico-bellavia/</guid>
<description><![CDATA[Posted by Stefan Spiess © 2008 Das kritische Hinterfragen von Informationen ist einer der Kernbereic]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><i>Posted by Stefan Spiess</i><i> © 2008</i></p>
<p style="margin-bottom:0;">Das kritische Hinterfragen von Informationen ist einer der Kernbereiche der Soziologie. Wir alle kommunizieren miteinander, wir spielen uns gegenseitig etwas vor. Dabei muss das nicht stets mit unlauteren Absichten verbunden sein – Wenn es aber um die Mafia geht, ist ausnahmsweise nicht derjenige der Schuft, der Böses dabei denkt. Enrico Bellavia (<a href="http://www.repubblica.it/" title="(Link öffnet neues Fenster)" target="_blank">La Repubblica</a>, Redaktion Palermo) erklärt uns ein Stück weit, wie die italienischen Medien funktionieren, warum ein guter Journalist ein investigativer Journalist sein muss, was ihm die Nähe zu den Menschen bedeutet und wie er im soziologischen Sinne die Rolle der Medien in einem Staat sieht.</p>
<p style="margin-bottom:0;"><!--more--></p>
<h3>Zu Ehren von Enrico Bellavia &#8211; Der Kontext, in dem das Berichtete steht</h3>
<p style="margin-bottom:0;">Doch erst einmal ein paar Worte vorneweg. Bellavia würde mir sicherlich nie verzeihen, wenn ich die Informationen nicht in den richtigen Kontext einordnen würde und somit meiner Funktion als informationsregelndem Gatekeeper nicht nachkommen würde.</p>
<p style="margin-bottom:0;">Martin Booker hat an dieser Stelle ja schon vor einigen Tagen in der Rubrik <i>„soziologischer Humor“</i> festgestellt, dass es für uns sehr ungewohnt sein kann, wenn wir plötzlich mit unerwartetem Verhalten konfrontiert sind. Die Schweigsamkeit der Sizilianer in bestimmten kritischen Punkten war das für uns zunächst – sehr ungewohnt. Und dann das. Der Mann, den wir treffen würden, war nach Guido Lo Forte der zweite exzellente Rhetoriker, und Freude am Reden scheint er ebenso zu haben, wie am schreiben, und er nimmt kaum ein Blatt vor den Mund.</p>
<p style="margin-bottom:0;">Enrico Bellavia ist Autor bei der palermitanischen Lokalredaktion der <i>„La Repubblica“</i>, einer großen italienischen Tageszeitung, deren Geschichte selbst höchst interessant ist. Anfang der 90er gab es einen handfesten gerichtlichen Streit zwischen Silvio Berlusconi und Carlo de Benedetti, einem seiner erbittertesten Gegner. Lustig, wie aus zentraleuropäischer Sicht nun einmal manch italienischer Gerichtsprozess vonstatten geht, gewann zunächst de Benedetti im ersten Durchlauf, damit konnte sich Berlusconi nicht zufrieden geben. Er bestach also schlicht über seinen Mittelsmann Cesare Previti die zuständigen Richter – der Deal war wasserdicht. Previti wurde wegen Bestechung verdonnert, Berlusconi hatte das Glück, dass Bestechung über Mittelsmänner schneller verjährt (Die Berliner Zeitung titelte am 11.12.2004 <i>„<a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2004/1211/politik/0049/index.html" title="(Link öffnet neues Fenster)" target="_blank">Gelaufen wie geschmiert</a>“</i>). Und so sitzt heute seine Tochter Marina an der Spitze der fraglichen Mediengruppe <i>„Arnolde Mondadori Editore“</i>, und ist somit mittelbar auch Bellavias Chefin. (Arte wird am 13.04.2008 um 13:00 <a href="http://www.cinefacts.de/tv/details.php?id=krkbe2000000000001131926" title="(Link öffnet neues Fenster)" target="_blank">eine Dokumentation</a> darüber zeigen.)</p>
<p style="margin-bottom:0;">So viel dazu. Die Repubblica ist auf jeden Fall als ein recht linkes Blatt bekannt, man schreibt also anders als die meisten Printmedien auch reichlich über die so genannten <i>„Schwarzen Nachrichten“</i>, also diejenigen Meldungen, die die Mafia und das organisierte Verbrechen allgemein betreffen. Das ist nicht leicht auf Sizilien, wie auch im Rest Italiens dem investigativen Journalisten, der sich mit den falschen anlegt, mehr als nur ein Maulkorb droht.</p>
<p style="margin-bottom:0;">Ein letztes zum Ambiente, bevor wir uns dem knallharten soziologisch inspirierten Journalismus über den Journalismus zuwenden. Wir befinden uns in der via Principe de Belmonte, einer recht imposanten Meile in der palermitanischen Altstadt. Es wird in der Redaktion viel geraucht, die hektische Betriebsamkeit eines Bienenstockes greift um sich. Enrico Bellavia betritt die soziologische Bühne und es ist klar, dass er sicherlich einen gehörigen Anteil sowohl an den Rauchschwaden als auch an der Hektik hat.</p>
<h3>Berlusconitalia &#8211; i medie e la malavita</h3>
<p style="margin-bottom:0;">Er beginnt damit, uns zu erläutern, wie sich ihm die italienische Medienlandschaft darstellt. Davon, dass die Medien, besonders diejenigen unter Berlusconi (Sie erinnern sich an die Einleitung? Wem die Repubblica gehört?) ein Klima des unkritischen Konsums verbreiten (Dass das mit dem Konsum auch anders geht, ich verweise an dieser Stelle nochmals darauf: <a href="http://www.addiopizzo.org" title="(Link öffnet neues Fenster)" target="_blank">AddioPizzo</a>) Die Menschen wollen all das haben, was sie in den Seifenopern sehen, und man finanziert das großzügig über Kredite mit ebenso großzügigen Zinsen. Dieser Wucher ist neben dem Pizzu eine der besten Einnahmequellen der Mafia, und dabei kann sie auch noch schmutziges Geld in sauberes Geld verwandeln. Ich wiederhole mich nur ungern, doch, auch hier ist wahrscheinlich wiederum nicht derjenige der Schuft, der Böses dabei denkt.</p>
<p style="margin-bottom:0;">Wer Akte X mochte, der wird sich nun gleich bestätigt sehen. Bellavia spricht offen davon, dass es eine Abteilung für Desinformation beim italienischen Geheimdienst gäbe. Was dran ist, ist fraglich. Wenige Tage später erklärt uns ein Psychologe, dass die Mafia ein Meister der Mythen und Legenden sei, und ein Historiker erzählt uns von Gladio. Ein wenig mulmig wird einem da schon. Umso größer der Respekt für Enrico Bellavia. Und umso wichtiger, dass Bellavia da hin fährt, wo Dinge geschehen, um sich selbst ein Bild zu machen. (Gruß an Professor Hettlage für &#8220;<i>Die Standortgebundeheit menschlichen Denkens</i>&#8220;)</p>
<h3>Wer nichts weiss, muss alles glauben &#8211; Warum man als Journalist nahe an den Menschen und der Wahrheit sein muss</h3>
<p style="margin-bottom:0;">Er berichtet uns, dass in seinen Augen ein Journalist nahe an den Menschen sein müsse, er selber fahre oft mit dem Auto hinaus zu den Menschen in die Stadt, wenn etwas geschehen sei. Er sieht sich, und das sagt er selber so, als einen Gatekeeper der Informationen. Als jemanden also, an dem die Wahrheit erstmal vorbei muss, bevor sie sich als solche verkaufen darf. Er empfindet es als ausgesprochen unangenehm, wie viele seiner Kollegen einfach nur die Leser mit wahllos zusammengestellten, nicht in einen Kontext eingebundenen Nachrichten bombardieren. Er selber, so sagt er, ist der Auffassung, dass nur investigativer Journalismus gut sein könne, und er nennt ein Beispiel.</p>
<blockquote>
<p style="margin-bottom:0;"> <i>Wenn an mich jemand eine Geschichte über einen Politiker heran trägt, der mit einem Transvestiten gesehen worden sei, und das mag sogar stimmen, dann frage ich mich: Warum tut er das gerade jetzt, gerade jetzt erst, wo sich dieser Mann zur Wahl für ein wichtiges Amt stellt? Und: Warum hat er erst jetzt ein Interesse daran, diese Meldung veröffentlicht zu sehen? Und: Wer ist das überhaupt, der mir diese Information zugetragen hat?</i></p>
</blockquote>
<p style="margin-bottom:0;">Die Frage nach seinen Quellen kommt auf, und es ist ein heikles Thema. In Italien gibt es keinen Quellenschutz für die Presse, der staatlich festgelegt wäre. Er besteht nur durch einen Konsens unter den Journalisten, dass das nicht zum guten Ton gehört, aber im Zweifelsfalle nützt dies nicht viel.</p>
<h3>Und die Motive? Und die Angst?</h3>
<p style="margin-bottom:0;">Zuletzt fragen wir ihn, warum er Journalist geworden ist. Sein Vater sei ein Mafiaopfer gewesen, das habe seinen Widerstand genährt. Er sei nicht von der Mafia getötet worden, aber eben ein Mafiaopfer gewesen. Und er habe sehr jung damit angefangen, zunächst beim Fernsehen, dann bei anderen Zeitschriften, und nun eben bei der Rpubblica, die zahle gut und er dürfe frei schreiben.</p>
<p>Wir fragen, ob er keine Angst habe, und warum er das mache, sich dem Staat, der Wirtschaft, der Mafia und einer Großzahl von Kollaborateuren und Nutznießern, und schließlich noch der absolut fatalistisch ergebenen Masse der Sizilianer und Sizilianerinnen entgegenstellt, und unangenehmes schreibt.</p>
<blockquote><p>Ein Journalist macht das so lange, wie er daran glaubt, und davon leben kann.</p></blockquote>
<p>&#8230;sagt er. Und Angst müsse man nur haben, wenn man alleine dasteht. Dann aber richtig, dann schlägt die Mafia zu.</p>
<h3>Davon leben können&#8230; und davon reden können.</h3>
<p>Dass er es am Anfang so eilig hatte ist schon lange vergessen. Wir hören im Laufe des Gespräches auch von der prekären Lage der kleinen Lokaljournalisten auf dem Land, die über absolut alles berichten müssen, weil sie nur 2,50€ pro Artikel bekommen. Dass so einer dann natürlich gerne vom &#8220;investigativen&#8221; Journalisten zum Pressesprecher eines lokalen Bürgermeisters oder Mafioso avanciert, und dass man das auch irgendwie verstehen könne. Es ist wieder einmal einer der Momente, in denen einige von uns zwischen einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und einem Gefühl der Ehrfurcht für Menschen wie Bellavia, die jungen und alten friedlichen Haudegen von AddioPizzo, die Frauen aus Catania, die seit den 60ern für ihre Rechte kämpfen und nicht zuletzt Rosario Crocetta, der sein Leben in die Waagschale legt, schwanken.</p>
<p>Eine letzte Feststellung im erzählerischen Teil sei erlaubt: Bellavia warnt sozusagen vor der omertá. Ein Journalist, der ein Geheimnis mit sich herumtrage, sein ein lohnendes Ziel für die Mafia. Besser, er nimmt es mit ins Grab, bevor es andere erfahren. Sein Geheimrezept darum: Sofort publizieren.</p>
<h3>Zurück zum Elfenbeinturm &#8211; Sind wir ehrlich, ein bischen lieben wir ihn schon</h3>
<p>Soziologischer Journalismus aus, wissenschafltliches Resumée an:</p>
<ul>
<li>Enrico Bellavia <b>entstammt einer eher wenig betuchten Familie</b>. Er hat nichts studiert oder dergleichen, er begann bereits mit 18 seinen Aufstieg im Journalismus. Ein harter Konter für eine unserer Arbeitshypothesen: Die sizilianischen Revolutionäre könnten dem gehobenen Bildungsbürgertum entstammen, und sozusagen einen &#8220;<b>zentraleuropäischen, demokratisch-aufklärerischen Funken</b>&#8221; nach Sizilien importiert haben. Eigentlich erfreulich, dass diese Form von Zentraleurozentrismus sich nicht bewahrheitet hat. Seine Einstellung und seine Neugier scheinen die Triebfedern seiner Arbeit zu sein.</li>
<li> Auch Bellavia warnt: Menschen, die alleine stehen, sind geliefert. In so fern scheint es also durchaus ein Lösungsansatz zu sein, was beispielsweise AddioPizzo treibt, und möglicherweise vergebliche Liebesmüh&#8217;, was Rosario Crocetta in seiner One-Man-Show &#8220;Crocetta allein gegen die Mafia&#8221; unternimmt. <b>Partikularismus</b> ist <b>nicht gut</b>, wenn man <b>gegen ein Netzwerk antritt</b>.</li>
<li>Die <b>Omertá</b> ist ein zweischneidiges Schwert. <b>Schweigsamkeit</b> verdammt einen zu einer Form von <b>Einsamkeit</b>. Zumindest besitzt man dann einsames Wissen, und man ist eine leichte und präzise zu beseitigende Beute für Organisationen, die zu allem bereit sind. Es scheint sich also bei dieser speziellen Form des omertá-Aushebelns um eine Form der <b>sozialen Risikostreuung</b> zu handeln.</li>
<li>Journalisten wie Bellavia sind einem demokratischen Staatssystem ein Segen. (Man kann zur Demokratie stehen, wie man will, das ist hier gleich.) In einem clientelistischen, oligarchischen oder clandestinen System, oder gar in einem abenteuerlichen Cocktail wie dem sizilianischen Staat, sind sie aus systemischer Sicht Fehl am Platze. Bellavia sagte: Journalismus muss nicht nur Informazione sondern auch Formazione sein, was so viel wie Bildung bedeutet. Nicht umsonst werden die <b>Medien</b> auch oft als <b>vierte Staatsgewalt</b> bezeichnet.</li>
<li>Und zu guter Letzt: Das <b>Rollenspiel</b> und  die <b>Hinterbühne</b>. Wir sehen ein weiteres Mal, die Sizilianer spielen ganz andere Rollen als wir. Und sie betonen die Hinterbühne weit mehr. Was der Zuschauer nicht weiss, kann hier tödlich sein, was er weiss aber ebenso. Ein System des <b>völligen Misstrauens</b>, weil man als Betrachter niemals weiss, ob die Rolle eines anderen nun eine ist, die &#8220;ehrlich gemeint&#8221; ist, oder eine, die einem zum Nachteil gereichen wird. Das ist das Gift, an dem die Antimafiabewegungen so oft scheiterten, Misstrauen und Verrat. Die <b>Gesichtslosigkeit</b> von AddioPizzo kann hier also möglicherweise ein lebensrettendes Instrument sein. Crocetta hingegen ist vielleicht schon zu weit auf der Seite des Martyriums gelandet. Man wird sehen.</li>
</ul>
<p>Mit freundlichem Gruß an den geduldigen Leser</p>
<p>Stefan Spiess (der auch das ©  an diesem Artikel innehat) <img src='http://s.wordpress.com/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';-)' class='wp-smiley' /> </p>
<h4> Für Weiterleser und Überprüfer&#8230; (Im Text bereits eingebaute Links sind nicht nochmals aufgeführt. Alle Links öffnen in einem neuen Fenster.)</h4>
<p><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Mondadori#_note-0" target="_blank">Englischer Wikipedia-Artikel über die Mediengruppe Mondadori</a></p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arnoldo_Mondadori_Editore" target="_blank">Deutscher Wikipedia-Artikel über die Mediengruppe Mondadori</a></p>
<p><a href="http://www.bornpower.de/mafia/berlusconi-wirtschaft.htm" target="_blank">Referenzartikel auf www.bornpower.de</a></p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[AddioPizzo – Antiracket der neuen Generation]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/03/25/addiopizzo-%e2%80%93-antiracket-der-neuen-generation/</link>
<pubDate>Tue, 25 Mar 2008 10:18:18 +0000</pubDate>
<dc:creator>Stefan Spiess</dc:creator>
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<description><![CDATA[Posted by Stefan Spiess © 2008 Vom Tennis zur Mafia, vom Schweigen zur öffentlichen Debatte, von der]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><i>Posted by Stefan Spiess</i><i> © 2008</i></p>
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<div align="justify">Vom Tennis zur Mafia, vom Schweigen zur öffentlichen Debatte, von der organisierten Kriminalität und dem Einzelkämpfertum zum organisierten, zivilbürgerlichen Widerstand gegen Schutzgeld und Gewalt &#8211; AddioPizzo Palermo<!--more--></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">Racket ist ein Begriff, der den meisten Leuten hierzulande nichts sagen wird. Eine kurze Recherche ergibt mannigfaltige Bedeutungen: Ganz unverfänglich der Tennisschläger, aber auch hier erahnt man schon, das das eben auch etwas mit Gewalt, mit Schlägen zu tun haben könnte.</font></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">Der Begriff hat denn auch eine größere Reichweite als ein Tennisschläger, ein Mafiaschläger trägt eben dazu bei dass die Mafia in aller Seelenruhe ihre <i>„protection racket“</i>, ihre Schutzgelderpressung also, aufrecht erhalten kann.</font></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">Ein racket kann aber auch als eine Gaunerei oder, abwertend, also im doppelten Sinne als ein <i>„einträgliches Geschäft“</i> gemeint sein.</font></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">Wenn man das alles bedenkt, dann erahnt man, was jemand, der sich <i>„Antiracket“</i> verschreibt, und das tun mittlerweile nicht wenige in ganz Italien, auf sich nimmt. Diese Männer und Frauen – ein weiteres Zeichen für aufkeimenden Bürgersinn – riskieren nicht nur im wirtschaftlichen Sinne ihre Existenz, sondern sie riskieren ihr Leben. </font></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">Klingt dies schon für zentraleuropäische Ohren reichlich seltsam, geht das Wundern weiter, wenn man an den Begriff der <i>omertá</i> denkt. Das bezeichnet für viele nur das Schweigen der Mitglieder von Mafiaclans, doch weit gefehlt – geprägt von jahrhundertelanger Besetzung durch Phönizier, Araber, Normannen, Amerikaner, Briten und heutzutage eben durch einen von der Mafia durchdrungenen Staatsapparat, hat das sizilianische Volk gelernt, seine Klappe zu halten. Misstrauen ist das oberste Gebot, wie Christian Giordano schon 1992 in seinem im Campus Verlag erschienenen Buch „Die Betrogenen der Geschichte“ ein Sizilianisches Sprichwort zitiert: Der Sizilianer sagt sich <i>„Traue nicht mal deinem eigenen Hemd“</i>.</font></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">So umständlich diese Einleitung scheint, es muss einem erst einmal klar sein, dass eine Organisation, die laut darauf aufmerksam macht, dass es die Mafia gibt, was sie mit der sizilianischen Bevölkerung macht, und die sich auch noch dazu aufschwingt, gemeinsam, organisiert und demokratisch einen Kampf gegen die Schutzgelderpressung zu führen, etwas ganz und gar neues und besonderes für Sizilien ist. </font></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">Das Schutzgeld, auf italienisch <i>Pizzo</i> oder eigentlich <i>„Pizzu“</i>, ist eine Last für Wirtschaft, Staat und freies Bürgertum. Das Schweigen darüber, dass es die Mafia und den Pizzo gibt, ist schwer zu brechen, und alleine kann man wenig ausrichten. Ein sinnvoller Schritt also, das Einzelkämpfer- und Heldentum an den Nagel zu hängen, und sich zusammen zu schließen.</font></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">AddioPizzo ist nun also eine solche Organisation, die seit 2004 kämpft. Und sie tut dies friedlich, und dennoch couragiert, denn der Gegner kämpft mit harten Bandagen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Mafia Menschen, die offen gegen Sie agieren, oder sich auch einfach nur weigern, zu kooperieren, bedroht, schikaniert, und manchmal sogar umbringt, stets symbolträchtig und unmissverständlich. Ein Schuss in den Mund – sehr viel deutlicher kann man jemanden, der <i>„zu viel gesagt hat“</i>, post mortem kaum kenntlich machen.</font></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">Bei unserem Treffen mit zwei Vertretern der Organisation, <i>Francesco Galante </i>(Ebenfalls bei <a href="http://www.liberaterra.it" title="(Link öffnet neues Fenster)" target="_blank">Libera Terra</a> aktiv, einer Kooperation, die von der Mafia konfisziertes Land nach biologischen Standards und Mafiafrei bewirtschaftet.) und <i>Antonino Lo Bello</i> (Dieser war schon beim <i>&#8220;Leintuchkomitee&#8221;</i> dabeigewesen, einer Antimafiabewegung, bei der die Menschen weiße Leintücher aus den Fenstern hängten, um ihre Empörung über Mafiamorde kundzutun. Es existieren Fotos von strahlend weißen Straßenzügen in Palermo.) , sahen wir zunächst einmal einen längeren Fernsehbeitrag, den AddioPizzo für Sky TG24, einen italienischen 24-Stunden PayTV-Nachrichtensender, erstellt hat. Er führte uns die Geschichte AddioPizzos in Bild und Ton vor Augen. Das meiste verstanden wir nicht, weil es wenig sinnvoll gewesen wäre, simultan zu übersetzen, aber dennoch sagte die Präsentation einges, auch ohne Worte. Zu sehen waren viele Menschen jeden Alters, die gemeinsam auf Konzerten und Festen gegen die Mafia demonstrierten, und – verzeihen sie die Wendung – rotzfrech der Mafia damit eine öffentliche Klatsche erteilten. Am Anfang standen die mittlerweile beinahe schon berühmten Aufkleber mit der Aussage <i>„Ein ganzes Volk, das den Pizzo bezahlt, ist kein Freies Volk“</i>, einige zeit später umformuliert, aber immer noch genauso deutlich Transparente an Autobahnbrücken: <i>„Ein ganzes Volk, das keinen Pizzo bezahlt, ist ein freies Volk.“</i> Heute kennzeichnen Aufkleber an der Ladentüre ein Pizzufreies Geschäft. Wer einen solchen Aufkleber erhält, wird strikt kontrolliert, eine Durchsetzung mit Mafiakollaborateuren wäre fatal. Dennoch, seit 2004 ist die Zahl stetig gestiegen. Zum Zeitpunkt unseres Interviews waren es ca. 270 Unternehmer, die keinen Pizzo bezahlten, und sich durch ihre Mitgliedschaft bei AddioPizzo offen dazu bekannten. Das sind zwar gerade mal 5% der Unternehmer, die keinen Pizzo zahlen, was wiederum nur ein Prozent aller Unternehmer Palermos ausmacht, aber immerhin.</font></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">Nun kann einer sagen, das sei nicht viel, aber ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass man das nicht vorschnell annehmen sollte. AddioPizzo hat Modellcharakter. Man geht auf Schulen zu, man geht auf Unternehmer zu, man geht auf Politiker und Verbände zu, und vor allem hat man den Konsumenten im Blick. </font><font face="Arial, sans-serif">Laut einem Artikel auf <i>Sueddeutsche.de</i> (<a href="http://www.sueddeutsche.de/reise/artikel/643/130417/print.html" title="(Link öffnet neues Fenster)" target="_blank"><i>&#8220;Der Geruch der Gewalt&#8221;</i></a>, 30.08.2007) hatte Antonino Lo Bello jahrelang bei einem Bäcker um die Ecke eingekauft, und es sei ihm der Appetit vergangen, als eine Razzia hervorbrachte, dass er jahrenlang das gleiche Gebäck gegessen hatte, das diese Bäckerei gleichzeitig als <i>&#8220;Pizzo in Naturalien&#8221;</i> an die Cosa Nostra entrichtet hatte.</font><font face="Arial, sans-serif"> Seit 28.02.2008 gibt es ein Geschäft in Palermo, das ausschliesslich mafiafreie Ware verkauft (Das ZDF berichtete im heute-Journal am 22.03.2008 in <a href="http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/458356" title=" POPUPS ERLAUBEN (Link öffnet neues Fenster) POPUPS ERLAUBEN" target="_blank">einem Beitrag</a>). Ein Novum also, nachdem es schon seit geraumer Zeit besagten Aufkleber für einzelne Unternehmer gibt. Des Weiteren hat AddioPizzo italienweit Vorträge gehalten, und zwar auf Einladung, auch dies ein großer Erfolg. In Neapel gründete sich die ContraCamorra nach dem Vorbild von AddioPizzo. Es gibt Unterstützung vor Gericht und Zusammenarbeit mit der Polizei, und vielleicht das Wichtigste: Klassischerweise standen stets wenige im Brennpunkt einer Antimafiabewegung.</font></div>
<p style="background:transparent none repeat scroll 0 50%;text-indent:0.3cm;margin-bottom:0.2cm;" align="justify"><span style='text-align:center;display:block;'><object width='400' height='330' type='application/x-shockwave-flash' data='http://video.google.com/googleplayer.swf?docId=-1139601340690453280'><param name='allowScriptAccess' value='never' /><param name='movie' value='http://video.google.com/googleplayer.swf?docId=-1139601340690453280'/><param name='quality' value='best'/><param name='bgcolor' value='#ffffff' /><param name='scale' value='noScale' /><param name='wmode' value='window'/></object></span></p>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">Die Ermordung von Falcone und Borsellino führten den Effekt dieser Tatsache Anfang der 90er auf frappierende Art und Weise vor Augen. Ein klassisches Mafiaprinzip, einen zu töten um hunderte zu disziplinieren, funktionierte ein weiteres mal (alle weiteren Fälle von Mafiamorden aufzuzählen würde zu weit führen, darum dieser plakative Fall als Beispiel). Sarkasmus und Fatalismus waren die Folge, man musste erneut erkennen: Wenn du alleine gegen Staat, Mafia, und damit eigentlich in weiten Teilen gegen zwei Köpfe des selben Gegners, ankämpfst, musst du scheitern. Dies war sicherlich auch einer der Faktoren, die zu einem Umdenken führten. Guido Lo Forte, ein Antimafiastaatsanwalt, bei dem wir ebenfalls vorsprachen, sagte im Umkehrschluss sehr richtig: Du kannst nicht hunderte töten, um einen zu disziplinieren. </font></div>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">AddioPizzo stellt nun also, um das noch einmal kurz zusammenzufassen, folgende Neuerungen dar:</font></div>
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<li><font face="Arial, sans-serif">Als erstes hat man die Waffe der Mafia, unsichtbar und dennoch allgegenwärtig zu sein, gegen sie selbst gewendet. Der bequeme alte Weg, einfach einen Dissidenten zu schikanieren, bis er spurt, oder ihn im Notfall mit samt seiner Familie aus dem Weg zu räumen, zieht hier nicht. Unbekannte tapezierten Palermo mit Hohn wieder die Mafia, der Hieb traf hart das Ziel, ohne dass man sofort lokalisieren konnte, woher er kam.</font></li>
<li><font face="Arial, sans-serif">Als zweites hat man es in Jahrelanger Schwerstarbeit geschafft, die schweigsamen und bis auf die Knochen misstrauischen und staatsfeindlichen Sizilianer zumindest teilweise zu vereinen, und gemeinsam einen zivilen Kampf gegen die Mafia zu führen, man trifft sie dort, wo es weh tut. Wer nämlich kein Geld hat, oder weniger davon, der kann auch seine Ausgaben für Mörder, korrupte Beamte und die Familien inhaftierter Mafiosi nicht mehr so großzügig verteilen.</font></li>
<li><font face="Arial, sans-serif">Und, als wäre kaum etwas zu schwer für AddioPizzo, schiebt man ganz nebenbei noch die Emanzipation, biologische Landwirtschaft und eine freiheitliche Gesellschaftsvorstellung mit nach vorne.</font></li>
</ul>
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<div align="justify"><font face="Arial, sans-serif">Es bleibt einem nur, AddioPizzo viel Erfolg zu wünschen, und ihnen beizustehen, mit einer Stimme oder auch Spende. Beides kann man auf der <a href="http://www.addiopizzo.org/deutsch.asp" title="(Link öffnet neues Fenster)" target="_blank">deutschsprachigen Seite von Addiopizzo</a> abgeben, wo man auch nochmals eine kleine Geschichte von AddioPizzo nachlesen kann. Wer Italienisch beherrscht kann noch weitere Interessante Informationen auf der  <a href="http://www.addiopizzo.org" title="(Link öffnet neues Fenster)">Stammseite</a> finden. </font></div>
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<p style="background:transparent none repeat scroll 0 50%;text-indent:0.3cm;margin-bottom:0.2cm;" align="justify"><font face="Arial, sans-serif">© Stefan Spieß, 2008<br />
</font></p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Mafia und Klerus - der klerikal-mafiose Stil der katholischen Kirche in Sizilien]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/03/25/mafia-und-klerus-der-klerikal-mafiose-stil-der-katholischen-kirche-in-sizilien/</link>
<pubDate>Mon, 24 Mar 2008 22:12:10 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
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<description><![CDATA[Posted by Martin Booker © 2008 Hannah Arendt warnte einst vor den Folgen, die ein Rückzug in das Pri]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><i>Posted by Martin Booker © 2008</i></p>
<p>Hannah Arendt warnte einst vor den Folgen, die ein Rückzug in das Private und eine Verweigerung gegenüber normativen Diskursen für die Politik hat: Sie wird illegitimen,  bisweilen totalitären Regimen überlassen. Sizilien ist geprägt von einem Privatismus, der auch vor der allgegenwärtigen katholischen Kirche nicht Halt macht. Wie fast alle gesellschaftlichen Kräfte im südlichen Italien überlässt auch sie den öffentlichen Raum der Mafia und ihrer Willkür. Eine seltene Ausnahme ist Padre Nino Fasullo, den wir in seinem Pfarrzentrum in Palermo treffen. <!--more--></p>
<p><img src="http://homosociologicus.wordpress.com/files/2008/03/plakat.jpg" alt="plakat.jpg" align="right" />Fasullo selbst passt so gar nicht in das Klischee eines katholischen Priesters. Lieber als mit seinen Amtskollegen umgibt sich der Geistliche mit erklärten Kommunisten, die den Kampf gegen die Mafia in Sizilien zu ihrer Sache gemacht haben. In seinem Empfangszimmer hängt ein Plakat, das einst die Amtskirche herausgab und das die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei zur Sünde erklärte (Bild rechts).</p>
<p>Fasullo klärt uns über das Verhältnis der Kirche zur Mafia auf, das bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ein völlig unproblematisches war. Denn die Mafia und die von ihr begangenen Morde wurden nicht als eine Sache angesehen, zu der sich der Klerus hätte äußern müssen. Zwar ist der Mord auch auf Sizilien eine Sünde, doch wurde und wird er von den meisten Priestern nicht in Zusammenhang mit der Mafia, sondern als singuläres Verbrechen wahrgenommen. Bis heute, so Fasullo, gibt es im Klerus ein kulturelles Defizit: Die meisten Priester verstehen das Phänomen Mafia nicht in seinen gesellschaftlichen Zusammenhängen und ziehen sich auf die Ebene des Geistigen zurück.</p>
<p>Hinzu kommen nicht selten persönliche Beziehungen von Priestern zu den Mafiosi, die sich traditionellerweise als kirchennah und streng gläubig geben. Nicht zuletzt hindert viele sizilianische Geistliche ein hohes Mißtrauen gegenüber den staatlichen Behörden daran, mit Polizei und Justiz &#8211; praktisch oder geistig &#8211; zu kooperieren.</p>
<p>Fasullo selbst hat seine eigene Theorie, wie die Männer Gottes dies mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Er bezeichnet sie als &#8220;komplexe und angreifbare Hypothese&#8221;, dennoch will ich sie hier wiedergeben. Demnach kommt hier ein altes sizilianisches Kulturmuster zum Tragen. Ein Mordopfer wird nach dieser Lesart selbst nicht ganz unschuldig gewesen sein, das Gewaltverbrechen unter Umständen ein verdienter Tod.</p>
<p>Dieses Denken, so Fasullo, sei Teil der sizilianischen Kultur und könne auch bei Priestern vorkommen. Möglicherweise könnten diese die Tat sogar mit vermeintlich christlichem Gedankengut &#8211; zumindest in einer alttestamentarischen Version &#8211; rationalisieren: Wer sich rächt, macht es schließlich nur wie Gott, der seine Feinde ebenfalls bestrafen würde &#8211; und kann dies wirklich Sünde sein?</p>
<p>Erst mit dem zweiten Vatikanischen Konzil in den 60er Jahren kam Bewegung, zumindest in kleine Teile der sizilianischen Priesterschaft. In jenem wurde von den Geistlichen gefordert, das christliche Leben auch in der Stadt zu fördern. Dies kam einem Aufruf zum Einmischen gleich, dem aber eben nur eine kleine Minderheit der katholischen Kirche in Sizilien folgen wollte. Ein Teil der Kirchenbasis, nicht aber die höheren Ebenen, wollten der engen Verbandelung von Mafia und Kirche ein Ende setzen.</p>
<p>Padre Fasullo gibt seit 1975 die Zeitschrift &#8220;Segno&#8221; heraus. Diese klärt in mehrseitigen Artikeln über das Phänomen Mafia auf, und versucht, innerhalb wie außerhalb der Kirche einen Dialog über die Problematik zu fördern. Heute erscheint die Zeitschrift 8x im Jahr in<img src="http://homosociologicus.wordpress.com/files/2008/03/unbenannt.jpg" alt="unbenannt.jpg" align="right" /> einer Auflage von 1000 Stück.  In den über dreissig Jahren des Erscheinens, so Fasullo, mit oder ohne sein Mitwirken, habe sich einiges getan. Im Laufe der Jahre haben sich immer mehr Priester offen gegen die sog. ehrenwerte Gesellschaft ausgesprochen. Ein aktives Engagement gegen die Mafia, wie es einst Hannah Arendt für den <i>Zoon Politokon</i> forderte, findet sich aber dennoch selten: Fünf Priester in ganz Sizilien seien laut Fasullo aktiv engagiert.</p>
<p>Der Padre selbst wird seit Erscheinen seiner Zeitschrift von der Amtskirche marginalisiert. Fasullo bezeichnet dies mit einem Augenzwinkern als klerikal-mafioser Stil.</p>
<p>Ende der Osterbotschaft.</p>
<p><i>Copyright Martin Booker </i></p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Straßenverkehr - ein Spiegel der politischen Kultur?]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/03/13/strasenverkehr-ein-spiegel-der-politischen-kultur/</link>
<pubDate>Thu, 13 Mar 2008 14:51:42 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
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<description><![CDATA[Posted by Martin Booker © 2008 Bei meinem neuerlichen Aufenthalt in Palermo fiel mir mal wieder auf,]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><i>Posted by Martin Booker © 2008</i></p>
<p>Bei meinem neuerlichen Aufenthalt in Palermo fiel mir mal wieder auf, wie sehr doch unser Verhalten im Straßenverkehr unsere jeweilige politische Kultur widerspiegelt. Auch auf der Straße geht es um die Frage, wie man Macht und die eigenen Interessen durchsetzt, um Fragen der Rücksichtnahme auf schwächere Verkehrsteilnehmer, um das Maß, wie sehr man die Interessen der Anderen respektiert. Und vor allem darum, was in diesen Abstimmungsprozessen als legitim erachtet wird. <!--more--></p>
<p>Mir persönlich macht es schon mal Spass, mich zur Abwechslung mal in einer italienischen Großstadt durch den Verkehr zu kämpfen. Das Gedränge, das Gehupe, das Gewühle, die ständige Suche nach einer Lücke, in die mein Auto noch hineinpasst, verspricht Action und Abwechslung. Doch das ist natürlich eine sehr touristische Sicht.</p>
<p>Als soziologisch informierter teilnehmender Beobachter des Geschehens fällt mir hier vor allem eines auf: Jeder Verkehrsteilnehmer ist ständig auf seinen eigenen kurzfristigen Vorteil bedacht &#8211; und das muss er auch! Autofahren in Palermo heisst: sich durchsetzen zu müssen. Wer bremst verliert im wahrsten Sinne des Wortes, denn wer etwa an einer belebten Kreuzung stehen bleibt, wird lange warten können, bis ihn ein anderer Verkehrsteilnehmer freiwillig in den Verkehrsstrom hineinlässt. Er oder sie muss sich also hineindrängen, um überhaupt vorwärts zu kommen. Umgekehrt sollte man darauf achten, keine Lücke im Straßenverkehr ungenutzt zu lassen, denn sobald dies geschieht, drängt sich ein anderer Verkehrsteilnehmer hinein und ich werde nach und nach nach hinten durchgereicht. Straßenverkehr im Mittelmeerraum ist &#8211; mit Abstufungen &#8211; das perfekte Beispiel einer Ellenbogengesellschaft. Wer am agressivsten auftritt, ist am erfolgreichsten.</p>
<p>Dieser Partikularismus ist nun auch in der politischen Kultur im Mittelmeerraum im Allgemeinen und in Süditalien im Besonderen sehr verbreitet. Wer in die Politik geht, tut dies, um seine eigenen Interessen und die seines Netzwerkes besser durchsetzen zu können. Ein Konzept von Gemeinwohl, wie wir es im protestantisch geprägten Norden kennen, ist in Italien nur schwach ausgeprägt. Vielmehr gilt es als relativ normal, wenn ein Politiker wie etwa Berlusconi versucht, den Staatsapparat zu seinen Gunsten zu manipulieren. Die meisten Italiener würden schließlich an seiner Stelle nicht viel anders handeln und wählen den sympatischen Kerl deshalb auch gerne zum Ministerpräsidenten.</p>
<p>In beiden Arenen, im Straßenverkehr wie in der politischen Kultur, finden wir also einen starken Ausdruck des Partikularismus. Wie sieht es jedoch in anderen Ländern aus, insbesondere im protestantischen Norden Europas?</p>
<p>Ich kann mich an einen interessanten Spiegel-Artikel erinnnern, der leider nicht mehr online steht. Die Überschrift hieß &#8220;Unsicher ist sicher&#8221;, der Artikel berichtete von Verkehrsprojekten in verschiedenen Städten und Dörfern in, soweit ich mich erinnere, den Niederlanden, Schweden, Großbritannien und Norddeutschland &#8211; nicht zufällig allesamt im protestantischen Europa. Die Idee dabei war, möglichst viele Verkehrsregeln abzuschaffen. Vorfahrtsstraßen wurden weitgehend abgeschafft, Kreuzungen durch Kreisverkehre ersetzt und die rechts-vor-links Regelung flächendeckend eingeführt. Insgesamt wurde ein Zustand geschaffen, der dem in Palermo gar nicht unähnlich ist: Auch dort gibt es kaum Regeln, äußerst wenige Ampeln, und die Verkehrsteilnehmer sind darauf angewiesen, sich untereinander abzustimmen.</p>
<p>Der Effekt jedoch war komplett anders: Wie der Spiegel berichtete, wich die anfängliche Skepsis der Bewohner einer großen Begeisterung. Denn nach einer gewissen Gewöhungsphase fanden die Verkehrsteilnehmer Gefallen daran. Insgesamt führte die Maßnahme zu mehr Rücksicht unter den Autofahrern, denn sie wurden gewissermaßen darauf trainiert, stärker auf die anderen Verkehrsteilnehmer zu achten. Die Rücksichtnahme und der Respekt der Anderen wiederum führte zum Aufbau von Wohlwollen zwischen den Verkehrsteilnehmern. Die vom Spiegel Befragten berichteten, dass sie nun entspannter jeden morgen in die Arbeit fuhren. Auch die Unfallrate sank in den untersuchten Fällen.</p>
<p>Dazu passt natürlich, dass auch in der politischen Kultur Nordeuropas die Rücksichtnahme auf die Anderen/auf Minderheiten und eine Orientierung am Gemeinwohl und nicht nur am eigenen kurfristigen Interesse eine große Rolle spielen. Gerade in den Ländern, deren <i>Civic Culture</i> wohl als am demokratischsten gelten darf (Gr0ßbritannien, USA, Skandinavien), so mein Eindruck, läuft auch der Verkehr am ruhigsten ab, und ist noch am ehesten von gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt.</p>
<p>Deutschland befindet sich, sowohl was die politische Kultur als auch die &#8220;Zivilisiertheit&#8221; des Straßenverkehrs anbelangt, wohl zwischen den beiden Extremen, mit einer mehr oder weniger deutlichen Tendenz nach Norden. Solange es allerdings kein Tempolimit auf Autobahnen gibt und das partikulare Gedränge dort nicht eingedämmt wird, bilden die deutschen Autobahnen eine recht unrühmliche Ausnahme.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Die Mühlen der sizilianischen Justiz - ein Gespräch mit Staatsanwalt Guido Lo Forte]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/03/12/die-muhlen-der-sizilianischen-justiz-%e2%80%93-ein-gesprach-mit-guido-lo-forte/</link>
<pubDate>Wed, 12 Mar 2008 12:19:53 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
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<description><![CDATA[von Martin Booker Der Justizpalast bietet eine wunderbare Aussicht über Palermo mit seinen eindrucks]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p class="MsoBodyText"><em>von Martin Booker<br />
</em></p>
<p class="MsoBodyText">Der Justizpalast bietet eine wunderbare Aussicht über Palermo mit seinen eindrucksvollen Kuppeln und Kirchen, Schlössern und Theatern, Armenvierteln und Gefängnissen. Die Stadt ist eingerahmt vom Meer auf der einen Seite und Bergen auf der anderen, die Skyline erinnert fast ein wenig an Barcelona, jene ferne mediterrane Erfolgsstory. Doch Palermo repräsentiert die andere, dunklere Seite des Mittelmeers. Hier herrscht die Mafia, hier liefert sich der Staat einen Machtkampf mit der Cosa Nostra, sofern er nicht selbst von ihr durchsetzt ist. Hier können sich engagierte Anti-Mafia-Kämpfer nur mit strengem Polizeischutz und hinter verschlossenen Vorhängen bewegen. Der Staatsanwalt Guido Lo Forte empfängt uns in seinem Büro ohne Aussicht und nimmt sich viel Zeit für die Besucher aus Deutschland. Er berichtet von der schwierigen Arbeit der Justiz, von den neuen Erfolgen in der Bekämpfung der organisierten Kriminalität und von den Möglichkeiten der Überwindung der Mafia. <!--more--></p>
<p><strong>Die Arbeit der Justiz</strong></p>
<p>Die Arbeit der Justiz in Sizilien ist längst nicht mehr dieselbe, die sie einmal war. Bis Mitte der 1980er Jahre, so Lo Forte, wusste die Staatsanwaltschaft kaum etwas über die innere Struktur der mafiosen Organisationen. Erst mit den Aussagen des prominenten <em>Pentito</em> (Reumütigen) Tommaso Buscetta gegenüber Giovanni Falcone 1984 konnte die Omertà, die Wand des Schweigens, gebrochen werden. Insbesondere die Existenz einer <em>Cupola</em>, eines gemeinsamen Gremiums der einzelnen Mafia-Clans, und die straffe hierarchische Organisation waren der Justiz bis dahin angeblich weitgehend unbekannt. Nach Buscetta folgten weitere <em>Pentiti</em>-Aussagen, die zu einem umfassenderen Verständnis des Phänomens Mafia beitrugen. Heute verfügt die Staatsanwaltschaft über reichhaltige Informationen über den Ermittlungsgegenstand.</p>
<p>In Folge des verbesserten Informationsstandes veränderte sich auch die Herangehensweise des Justizapparates. Bis 1987 etwa herrschte Uneinigkeit zwischen Richtern, Staatsanwälten und Polizei. Bis dahin verfolgte man vor allem die Aktivitäten der sog. militanten Mafia mit ihrem Schutzgeldgeschäft und ihren Bandenkriegen. Nachdem jedoch zunehmend Informationen über die <em>white collar</em>-Aktivitäten der Mafia ans Licht der Justiz kamen, begann man ab 1987 auch hier verstärkt zu ermitteln.</p>
<p>Lo Forte verweist wiederholt auf den Einfluss der Presse, den sein Berufsstand stets zu spüren bekommt. So wurden etwa in den 80er Jahren die Ermittlungen gegen die militante <em>Cosa Nostra</em> stets unterstützt, als sich die Staatsanwaltschaft jedoch gegen die Hemdkragen-Mafia wendete, geriet sie unter Beschuss. Die Richter, so der Vorwurf der Presse, machten Politik und bildeten Machtmonopole. Nach Angaben Lo Fortes entstand eine wahre Hetzkampagne gegenüber dem Untersuchungsrichter Falcone.</p>
<p>Nach der Ermordung Falcones und Borsellinos 1992 schwenkte die Stimmung zugunsten der Justiz wieder um. Der Politik gelang es, Gesetze zu verabschieden, die von der Justiz schon lange gefordert wurden und eine bessere Arbeit möglich machten. Zahlreiche Mafiosi konnten in den 90er Jahren dingfest gemacht werden, umgerechnet Milliarden von Euro wurden beschlagnahmt. <em>Pentiti</em> begannen, auch über das Verhältnis der Mafia zur Politik zu sprechen. Die <em>Cosa Nostra</em> ist bis heute einer der wichtigsten Stimmenorganisatoren für viele, nicht nur sizilianische Politiker, bisweilen wird die Mafia auch als „bewaffneter Arm der Politik“ bezeichnet.</p>
<p>In den 90-er Jahren, so Lo Forte, glaubte wohl die Mafia schon selbst, den Krieg gegen die Legalität zu verlieren. Dies konnte man daraus ersehen, dass viele inhaftierte Mafiosi schon relativ bald nach ihrer Verhaftung zu Aussagen bereit waren. Zudem war zu beobachten, dass führende Mafia-Familien ihre eigenen Söhne nicht mehr in die Organisation schickten. Um die Jahrtausendwende schlug die Stimmung jedoch wieder um, wie schon zehn Jahre zuvor kritisierte die Presse die Richterschaft und warf ihr vor, Machtpolitik zu betreiben. Das Momentum der Anti-Mafia-Arbeit ging verloren und stagnierte. Erst in den vergangenen zwei Jahren konnten wieder vorzeigbare Erfolge und zahlreiche Verhaftungen gemacht werden.</p>
<p><strong> Das Phänomen Mafia und die Möglichkeiten seiner Überwindung</strong></p>
<p>Der Jurist Lo Forte betrachtet die Mafia als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Verhaftungen alleine mögen ein Beitrag zu ihrer Bekämpfung sein und die Cosa Nostra kurzfristig schwächen, doch nachhaltige Veränderungen sind seiner Ansicht nach vor allem in zwei Bereichen notwendig, die relativ wenig mit der Rechtssystem zu tun haben.</p>
<p>Erstens müssen die Unternehmer aufhören, den <em>Pizzo</em>, das Schutzgeld, an die Mafia zu entrichten. Während der internationale Drogenhandel zwar auch eine wichtige Einnahmequelle für die Organisation ist, fließt das Geld hier aber nur gelegentlich und reicht nicht, um die hohen Fixkosten der Cosa Nostra zu decken. Diese sind vor allem die Bezahlung der vielen <em>Soldati</em>, der Fußsoldaten und Handlanger der Mafia, die Versorgung der Angehörigen von inhaftierten Mafiosi und die entstehenden Gerichtskosten. Um diese Fixkosten abzudecken, so Lo Forte, benötigt die Cosa Nostra den <em>Pizzo</em> von Tausenden von Unternehmern. Er bildet gewissermaßen das Basisgeschäft und sichert auch die Territorialkontrolle der einzelnen Clans. Nach offiziellen Schätzungen zahlen etwa 70 bis 80 Prozent der Betriebe in Sizilien einen <em>Pizzo</em> in Höhe von 500 bis 1000 Euro im Monat.</p>
<p>Lo Forte zeigt Verständnis für die Angst von einzeln agierenden Unternehmern vor eventuellen Anschlägen auf ihre Geschäfte. Kommt es aber zu einer gemeinsamen Bewegung einer großen Anzahl, so der Staatsanwalt, könnte diese von Erfolg gekrönt sein. Zwar könne die Mafia einen Einzelnen töten, um Tausende andere zu erziehen, nicht aber Tausende töten, um einen Einzelnen zu erziehen. Tatsächlich sind hier einige Dinge in Bewegung geraten. So hat sich etwa der sizilianische Industriellenverband erstmals öffentlich gegen die Zahlung der Schutzgelder ausgesprochen und den betroffenen Unternehmen mit Sanktionen gedroht.</p>
<p>Dennoch dürfe man die Vorteile nicht unterschätzen, die ein Geschäftsmann durch die Zahlung des Pizzo hat: Anders als die Polizei bietet die Mafia meist einen effektiven Schutz vor Kleinverbrechern, zudem sorgt sie dafür, dass es keinen Ärger mit Angestellten oder mit Gewerkschaften gibt. Auch die Höhe des Pizzo ist, gerade im Vergleich mit staatlich erhobenen Steuern, die oft genug hinterzogen werden, gering.</p>
<p>Ein zweiter Ansatzpunkt zur Bekämpfung der Mafia stellt nach Ansicht Lo Fortes die Politik dar. Kontakte zwischen Politikern und Mafia – sei dies auf lokaler, regionaler oder sogar nationaler Ebene – sind virulent und werden gut gepflegt. Auch die Verhaftung von Kontaktpersonen sind für viele Politiker noch lange kein Grund, sich öffentlich von der Person zu distanzieren. Vielmehr werden die Kontakte in vielen Fällen bis zur letzten Gerichtsinstanz aufrecht erhalten. Lo Forte fordert hier eine stärkere Autonomie der Politik von der mafiosen Sphäre und einen Verhaltenskodex für Politiker. Auch hier seien in den letzten Jahren positive Entwicklungen zu verzeichnen, die Sensibilität der Bürger für die Problematik etwa sei merkbar gestiegen.</p>
<p><strong>Die Turbulenzen der letzten Jahre</strong></p>
<p>Die Verhaftung Bernardo Provenzanos im Jahre 2006 erfuhr eine große mediale Inszenierung. Experten warnten jedoch schon damals davor, das Ereignis überzubewerten. Schließlich folge auf den einen <em>Capo dei Capi</em> der nächste, und ohnehin sei von der einst zentral organisierten Mafia und ihrer <em>Cupola</em> nicht mehr viel übrig, die Macht des jeweils medial inszenierten „Mafia-Bosses“ ohnehin relativ beschränkt.</p>
<p>Aus Erkenntnis von diversen Abhörungen bestätigt Lo Forte diese Behauptung. Die <em>Cupola</em> sei zumindest im Moment nicht arbeitsfähig. Wenngleich die einzelnen Mafia-Clans gut miteinander vernetzt sind, gibt es gegenwärtig wohl keinen „Boss der Bosse“ mehr. Die Inhaftierung Provenzanos, der stets ausgleichend und vermittelnd gewirkt hatte, habe aber tatsächlich zu einer inneren Spaltung der Mafia geführt. Die Verhaftung weiterer hochrangiger Mafiosi in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren habe weitere Leerstellen entstehen lassen, um die nun mafiainterne Konflikte schwelen.</p>
<p>Diese Vorkommnisse haben für die Cosa Nostra eine Reihe von unangenehmen Folgen: Erstens sind die Fixkosten enorm gestiegen. Da mittlerweile Tausende von Mafiosi in den Gefängnissen sitzen, müssen auch immer mehr Angehörige mit finanziellen Mitteln versorgt werden. Auch die von der Organisation übernommenen Gerichtskosten sind wegen der Masse von Verfahren deutlich höher geworden. Dies bedeutet, dass der <em>Pizzo</em> der Unternehmer angehoben werden muss. Das wiederum untergräbt die Legitimität der Schutzgeldzahlungen bei den Unternehmern und verringert die Zahlungsmoral.</p>
<p>Die internen Konflikte wiederum schlagen sich auch in Gebietsstreitigkeiten nieder. So kann es etwa vorkommen, dass ein einzelner Unternehmer von zwei konkurrierenden <em>Pizzo</em>-Eintreibern besucht wird. Auch vor gemeinen Verbrechern ist er dann nicht mehr sicher, da der Konkurrenz-Clan, an den er nicht zahlt, bewusst Kleinkriminelle schickt, um etwa die Kunden vor dem Geschäft auszurauben oder auch einmal das Geschäft selbst zu überfallen.</p>
<p>Insgesamt sieht Lo Forte im Moment eine große Verunsicherung sowohl innerhalb er Mafia, als auch bei den Geschäftsleuten, die mit ihrem Pizzo die finanzielle Basis der <em>Cosa Nostra</em> sichern. Viele Unternehmer fragen sich derzeit, wie sie sich künftig orientieren sollen und entschließen sich zunehmend zur Verweigerung der Schutzgeldzahlungen.</p>
<p>Insgesamt ist Lo Forte der Ansicht, dass die Mafia besiegbar ist, wenn alle Teile des Staates funktionieren und zusammenarbeiten. Zu Vorhersagen einer zukünftigen Entwicklung lässt er sich jedoch nicht hinreißen. Zwar sehe die Situation im Moment im Sinne der Anti-Mafia Arbeit recht gut aus, je nach politischer Lage könnte sich dies aber schnell wieder ändern.</p>
<p>Zum Schluß räumt der Staatsanwalt noch mit einigen Mythen auf. Zur Außendarstellung der Cosa Nostra gehört ja stets, dass sie einem gewissen Ehrenkodex folgt und eine „ehrenwerte Gesellschaft“ konstituiert. So heisst es etwa, dass Mafiosi unter sich niemals lügen dürfen. In Wahrheit jedoch, so berichtet Lo Forte aus abgehörten Telefongesprächen, herrscht innerhalb der Mafia schamloser Lug und Betrug. Ein weiterer Mythos, den man getrost begraben kann ist die Vorstellung, dass ein Mafioso niemals seine Frau betrügt. Kein Grundsatz, so Lo Forte, werde in Wahrheit öfter gebrochen als dieser.</p>
<p><em>Copyright Martin Booker </em></p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[In der Psyche eines Mafia-Killers - ein Gespräch mit Girolamo Lo Verso]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/03/06/in-der-psyche-eines-mafia-killers-ein-gesprach-mit-girolamo-lo-verso/</link>
<pubDate>Thu, 06 Mar 2008 00:34:58 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
<guid>http://homosociologicus.de/2008/03/06/in-der-psyche-eines-mafia-killers-ein-gesprach-mit-girolamo-lo-verso/</guid>
<description><![CDATA[von Martin Booker Die Universität Palermo bietet einen angenehmen Kontrast zum lauten Chaos der Stad]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><div><em>von Martin Booker</em></div>
<div></div>
<div>Die Universität Palermo bietet einen angenehmen Kontrast zum lauten Chaos der Stadt. Bereits die wohlgeordneten Straßen und Parkplätze, die gepflegten Grünflächen und Betonfassaden vermitteln einen Hauch von Westeuropa, wie er in Palermo sonst nur schwer zu finden ist. Auch das Innere der Fakultät für Psychologie unterscheidet sich mit seinen hilfreichen Ausschilderungen, Aushängen und Büroschildern kaum von einer deutschen Universität. Lediglich die notorisch defekten Toiletten erinnern den Besucher noch daran, dass er sich weiterhin in Sizilien befindet. <!--more--></div>
<div>Professor Lo Verso begann 1992 mit seinen Forschungen über die Mafia. Der damals ermordetete Staatsanwalt Giovanni Falcone hatte zuvor der Universität vorgeworfen, sie tue nichts in Sachen Mafia und ignoriere das Phänomen. Die Bombe von Capaci, so Lo Verso, war nicht nur für ihn ein Weckruf: Wer die Mafia bekämpfen wollte, musste sie erst einmal kennen lernen. Heute arbeiten Psychologen, Soziologen, Historiker, Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler in Palermo an ihrer Erforschung.</div>
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<div>Doch wie kommt man in einer Gesellschaft der <em>Omerta</em>, in der Verschwiegenheit und Mißtrauen gegenüber Fremden hohe Werte sind, an Informationen über die Psyche von Mafiosi? Lo Verso hatte die Gelegenheit, mit Frauen und Kindern aus Mafia-Familien Therapiegespräche zu führen. Typische Klienten sind für ihn etwa Frauen, deren Männer verhaftet wurden und die in der Folge unter Einsamkeit, unter Sorgen und Zukunftsängsten litten, und sich in ihrer Not an ihn wendeten. Doch auch die Gespräche mit <em>Pentiti</em>, mit reuigen Aussteigern, sowie mit Richtern und Staatsanwälten, die etwa über geheimes Abhörmaterial verfügen, sind wichtige Quellen für seine Arbeit.</div>
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<div>Als Mafioso wird man geboren, so Lo Verso, doch man wird auch dazu gemacht. Nach offiziellen Angaben gibt es in Sizilien etwa 5.000 initiierte Mafiosi, also solche, die in Mafia-Familien hineingeboren und entsprechend sozialisiert werden, und &#8211; so sie sich als tauglich erweisen &#8211; als junge Erwachsene in einem feierlichen Ritus in die Cosa Nostra aufgenommen werden. Daneben gibt es unzählige Handlanger und Fußsoldaten, die aber an dieser Stelle nicht weiter von Interesse sind.</div>
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<div>Die mafiose Sozialisation läuft vor allem darauf hinaus, den Jungen zu einer durchsetzungsfähigen Persönlichkeit heranzubilden, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckt, und sich stets an die Schweigepflicht, die <em>Omerta</em>, hält.  Von Beginn an wird der kleine Junge wie ein zukünftiger Mafioso behandelt. Schon sehr früh wird ihm etwa beigebracht, dem anderen Kind aus der Klasse Schläge zu verpassen, wenn es ihn hänselt oder auch nur schief anschaut. Die Eltern achten streng auf den Umgang des Kindes. Kinder von Kommunisten, die Angehörigen von Ordnungshütern jedweder Art, sowie Homosexuelle sind personae non gratae, mit denen sich ein kleiner Mafia-Junge besser nicht zeigt. Überhaupt sollte er eher schweigen als zuviel mit Anderen zu sprechen.</div>
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<div>In der eng gestrickten Familie übernehmen auch die Onkel eine wichtige Rolle in der Erziehung der Kinder. Insbesondere die langsame Heranführung der Heranwachsenden an das Morden wird von ihnen übernommen. Wie angesehen ein Mitglied der ehrenwerten Gesellschaft am Ende ist, misst sich eben auch an der Anzahl der Morde, die er begangen hat, und an deren Kaltblütigkeit.</div>
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<div>Das systematische Training für den gewissenlosen Mord, so berichtet uns der Psychologie-Professor, beginnt im Alter von elf bis dreizehn Jahren. In einem ersten kleinen Schritt wird der Junge aufgefordert, mit einem Holzknüppel einem anderen Jungen, der ihm nicht passt, ordentliche Schläge zu verpassen. Mit 14 oder 15 kommen schließlich Handfeuerwaffen ins Spiel. Zunächst darf oder muss der Heranwachsende einen Hund erschiessen, später vielleicht ein Pferd. Bei nächster Gelegenheit nimmt man ihn zu einem Mord mit, bei dem er zunächst nur zuschauen darf. In einem weiteren Schritt wird er nach der wiederum von den Komplizen begangenen Tat einen Schuss auf das bereits tote Opfer abfeuern. Irgendwann wird der Nachwuchs-Mafioso schließlich soweit sein, dass er selbst an der Schießerei teilnimmt und als Krönung und absoluten Beweis seiner Männlichkeit darf er schließlich den ersten Schuß abfeuern.</div>
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<div>Das Ergebnis dieser Sozialisation ist erstaunlich. Lo Verso berichtet von &#8220;Ehrenmännern&#8221;, die auch nach ihren Mordtaten in keinster Weise nachgrübelten,  von keinerlei Albträumen geplagt wurden. Auch bei Verhaftungen zeigen Mafiosi in der Regel keinerlei Emotionen, scheinen frei von Angst zu sein. Lo Verso zufolge widerlegt dies die gängigen psychologischen Theorien, denn bei normalen Menschen müsste sich früher oder später ein, wenn auch unterbewusstes Gewissen bemerkbar machen. Die mafiose Sozialisation jedoch scheint so rigoros zu sein, dass dieses effektiv abtrainiert werden kann. Erst mit einem Austritt aus der ehrenwerten Gesellschaft, so der Professor, bricht die mafiose Wir-Identität zusammen und wird eine Menschwerdung wieder möglich.</div>
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<div>Es ist kein Zufall, dass Sexualität für die Mitglieder der ehrenwerten Gesellschaft kaum eine Rolle spielt. &#8220;Kommandieren ist besser als Ficken&#8221; raunt uns Professor Lo Verso entgegen, nach diesem sizilianischem Sprichwort handeln die Mafiosi. Männer seien an einer Beziehung zu ihren Frauen nicht interessiert, die Frauen empfinden nichts bei einem Sexualakt, der äußerst kurzweilig zu sein scheint. &#8220;Was würden Sie von einem Mann halten&#8221;, fragt Girolamo Lo Verso die anwesenden Damen, &#8220;der nur 15 Sekunden durchhält?&#8221;</div>
</div>]]></content:encoded>
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<title><![CDATA[Auf Forschungsreise in Sizilien]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/02/17/auf-forschungsreise-in-sizilien/</link>
<pubDate>Sat, 16 Feb 2008 22:40:34 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
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<description><![CDATA[Posted by Martin Booker © 2008 Falls in der kommenden Woche (17.02.-24.02.2008) keine weiteren Eintr]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><i>Posted by Martin Booker © 2008</i></p>
<p>Falls in der kommenden Woche (17.02.-24.02.2008) keine weiteren Einträge in diesem Blog gemacht werden, hat dies einen Grund: Ich bin mit dem Lehrstuhl Soziologie der Universität Regensburg auf Forschungsreise in Sizilien und schaue dort der Mafia auf die Finger. Wenn ich wieder zurück bin und die Zeit finde, werde ich natürlich an dieser Stelle ausführlich darüber berichten.</p>
<p>Ein Highlight, das uns dort erwartet ist etwa der Besuch bei Rosario Crocetta, dem Bürgermeister der traditionellen Mafia-Hochburg Gela. Das besondere daran: Crocetta ist nicht nur gegen die Mafia, er ist Kommunist und schwul! Er wurde 2002 knapp in das Amt gewählt und 2007 mit ganzen 65 Prozent wiedergewählt.</p>
<p>Auch der Staatsanwalt Guido Lo Forte dürfte ein interessanter Gesprächspartner werden. Mit Sicherheit wird er uns interessante Hintergrundinformationen zur Arbeit der Justiz im Allgemeinen und seinen Ermittlungen im Besonderen liefern können.</p>
<p>&#8220;Addio Pizzo&#8221; heisst eine Bewegung, die Geschäftsleute davon überzeugen will, den Pizzo (= Schutzgeld) nicht mehr zu zahlen. Wir besuchen das <i>Comitato Addiopizzo</i>, das auch in Deutschland durch zahlreiche Medienberichte bekannt geworden ist. Deren Website (auch auf deutsch) ist <a href="http://www.addiopizzo.org/deutsch.asp">www.addiopizzo.org.</a> Man kann sich dort übrigens auch als Unterstützer der Bewegung registrieren oder Geld für die <i>ngo</i> spenden.</p>
<p>Insgesamt nehmen wir (Herr Prof. Dr. Dr. Hettlage, unsere Mafia-Expertin und Organisatorin Frau Dr. Anita Bestler, ca. 12 Studenten und ich) in den sechs Tagen 15 Termine wahr und kehren mit Sicherheit mit einem hohen Wissensgewinn wieder zurück. Es sei denn die ehrenwerten Herren haben etwas dagegen&#8230;</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
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<title><![CDATA[Mafia-Serie Teil I: Was will die Mafia?]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/02/11/mafia-serie-teil-i-was-will-die-mafia/</link>
<pubDate>Mon, 11 Feb 2008 16:37:49 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
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<description><![CDATA[Posted by Martin Booker © 2008 Fällt das Stichwort &#8220;Mafia&#8221; fallen uns meist auf Anhieb A]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><i>Posted by Martin Booker © 2008</i></p>
<p>Fällt das Stichwort &#8220;Mafia&#8221; fallen uns meist auf Anhieb Assoziationen wie &#8220;organisiertes Verbrechen&#8221;, &#8220;Drogenhandel&#8221;, &#8220;Schutzgelderpressung&#8221; &#8220;Pizza-Connection&#8221; und ähnliches ein. Dieses durch die Massenmedien verbreitet Bild kratzt jedoch nur an der Oberfläche eines Phänomens, das eine lange Tradition hat und in seiner Herkunftsregion West-Sizilien tief verwurzelt ist.</p>
<p>Doch warum gibt es die Mafia überhaupt? Was wollen die Mafiosi? Welchem Zweck dient die Organisation? Welchen Motiven folgen die &#8220;ehrenwerten Männer&#8221;? <!--more--></p>
<p>Der wohl gängigste Ansatz in der Forschung sieht die heutige Mafia vor allem als ein Wirtschaftsunternehmen. Wie in jedem anderen Betrieb auch, geht es den Beteiligten vor allem um Profitmaximierung. Die Aktivitäten der Organisationen sind vor allem auf die Vermehrung von Geld ausgelegt. Dazu zählt die Patronage und der Schutz von Unternehmen (die sog. Schutzgelderpressung),  die Übernahme öffentlicher Aufträge (durch sog. Korruption), die Herstellung und der Handel mit berauschenden, hoch nachgefragten Substanzen (der sog. Drogenhandel). Auch der Handel mit Müll ist heute ein großes Geschäft, Menschenhandel und Prostitution dürfte hingegen zumindest bei der sizilianischen Mafia keine allzu große Rolle spielen.</p>
<p>Das Mischunternehmen Mafia   ist also sowohl im produzierenden und verarbeitenden Sektor tätig (Drogen), wie auch im Dienstleistungssektor (Schutz, Transport, Müllentsorgung) und verfolgt mit diesem Mix eine krisensichere Geschäftsstrategie.</p>
<p>Eine besonders gute Marktposition genießt die Mafia im Schutzgeschäft in ihrer Stammregion Westsizilien, in der nur wenige Unternehmen die staatliche Konkurrenz bevorzugen. Durch eine kleine Zusatzsteuer, den <i>pizzo</i>, kann hier ein wesentlich effektiverer Schutz des Unternehmens vor Überfällen, Brandanschlägen und ähnlichem gewährleistet werden, als dies der Staat je könnte.</p>
<p>Nach einer Schätzung des Einzelhandelsverbandes Confesercenti in Zusammenarbeit mit Mafiaexperten von Polizei und Justiz verfügen mafiose Unternehmen in Italien über einen Jahresumsatz von rund 90 Milliarden Euro. Falls diese Zahlen zutreffen, wäre dies ein Anteil von sieben Prozent am gesamten Bruttoinlandsprodukt Italiens.</p>
<p>Doch auch das Motiv der Macht solllte nicht unterschätzt werden. Giuseppe Carlo Marino, Professor für moderne Geschichte an der Universität Palermo, beschreibt dies in einem <a href="http://www.zeit.de/online/2006/16/mafia_interview?page=all">ZEIT-Interview</a>:</p>
<p>[Der festgenommene "Boss der Bosse"] &#8220;<i>Provenzano symbolisiert ein kulturelles Bedürfnis nach Macht, das nur die Sizilianer in ihrer ganzen Bedeutung erfassen können. Ein sizilianisches Sprichwort sagt: „Macht ist besser als Sex“. Reichtum und Luxus hat für einen Mafioso wenig Bedeutung. Wichtig ist es, Einfluss zu haben &#8211; am Schalthebel zu sitzen&#8221;</i>.</p>
<p>Nach Marino geht es den Mafiosi vor allem um die Verteidigung ihres Territoriums. Finanzieller Gewinn wäre demnach zwar durchaus eine wichtige Komponente, allerdings dem Machtstreben untergeordnet. Das Streben nach Profit ist natürlich keinesfalls mit dem Wunsch nach Luxus gleichzusetzen.</p>
<p>Blicken wir in die sog. freie Wirtschaft, ist natürlich auch nicht immer klar, ob nun Macht oder Geld das Endmotiv der Konzernlenker ist.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Neue Serie: die sizilianische Mafia]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/02/11/neue-serie-die-sizilianische-mafia/</link>
<pubDate>Mon, 11 Feb 2008 15:06:20 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
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<description><![CDATA[Posted by Martin Booker © 2008 Am kommenden Sonntag begebe ich mich mit dem Lehrstuhl Soziologie der]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><i>Posted by Martin Booker © 2008</i></p>
<p>Am kommenden Sonntag begebe ich mich mit dem Lehrstuhl Soziologie der Universität Regensburg auf eine einwöchige Exkursion nach Sizilien. Dem Anlass entsprechend werde ich in den nächsten Tagen und Wochen einige Einträge zu dem Thema &#8220;sizilianische Mafia&#8221; bloggen und dann auch einige Erlebnisberichte veröffentlichen.</p>
<p>Wer oder was ist die Mafia &#8211; jenseits des polemischen Bildes, das die Presse zumeist zeichnet? Welche Funktionen erfüllt sie in der italienischen Gesellschaft? Warum ist sie so schwer zu besiegen? Auf welchen kulturellen Faktoren baut das Phänomen Mafia auf?</p>
<p>Wen diese und ähnliche Fragen interessieren, sollte in den nächsten Tagen und Wochen öfter mal hier reinschauen. Alle Mafia-Artikel erscheinen dann in der Kategorie &#8220;Schwerpunkt Mafia&#8221; (zwei weitere habe ich bereits zu einem früheren Zeitpunkt verfasst und bereits dort eingeordnet). Falls Sie über die komplizierte WordPress-Adresse hier gelandet sind: die Seite ist auch über die einfacher zu merkende Adresse www.homosociologicus.de zugreifbar.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Die siegreiche Mafia]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/01/14/die-siegreiche-mafia/</link>
<pubDate>Mon, 14 Jan 2008 17:43:09 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
<guid>http://homosociologicus.de/2008/01/14/die-siegreiche-mafia/</guid>
<description><![CDATA[Posted by Martin Booker © 2008 Es gibt nicht viele gute Fernsehbeiträge zum Thema Mafia. Dieses Vide]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><i>Posted by Martin Booker © 2008</i></p>
<p>Es gibt nicht viele gute Fernsehbeiträge zum Thema Mafia. Dieses Video aus dem Jahre 1998 ist allerdings eine informierte Darstellung der Cosa Nostra und ihrer Funktionsweise. Der Beitrag ist fast zehn Jahre alt, bis heute hat sich aber nicht viel geändert an dem Dreieck von Kirche, Staat und Mafia.</p>
<p>Für diejenigen, die 2001 auf unserer Exkursion nach Sizilien dabei waren, gibt es zwei bekannte Gesichter: Michela Buscemi (&#8220;eine Frau gegen die Mafia&#8221;) und die vermeintliche Anti-Mafia Bürgermeisterin Maria Maniscalco. In dem Film ist sie eine der wichtigsten Interviewpartner, inzwischen ist jedoch nicht mehr ganz klar, ob sie nicht selbst Verbindungen zur Mafia unterhält, was vor allem zeigt, wie undurchsichtig diese Organisation ist. 23 Minuten, englisch mit italienischen Beiträgen. Der Anbieter hat das Video leider für Einbettungen gesperrt, daher verlinkt das Videofenster direkt zu YouTube.</p>
<p>Verwandter Artikel: <a href="http://homosociologicus.wordpress.com/2008/01/07/mullberge-warum-neapel-nicht-palermo-ist/">Müllberge: Warum Neapel nicht Palermo ist</a></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=s-EY_XqWE-o"><span style='text-align:center; display: block;'><object width='425' height='350'><param name='movie' value='http://www.youtube.com/v/s-EY_XqWE-o&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;hd=0' /><param name='allowfullscreen' value='true' /><param name='wmode' value='transparent' /><embed src='http://www.youtube.com/v/s-EY_XqWE-o&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;showsearch=0&#038;hd=0' type='application/x-shockwave-flash' allowfullscreen='true' width='425' height='350' wmode='transparent'></embed></object></span></a></p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Müllberge: Warum Neapel nicht Palermo ist]]></title>
<link>http://homosociologicus.de/2008/01/07/mullberge-warum-neapel-nicht-palermo-ist/</link>
<pubDate>Sun, 06 Jan 2008 22:45:35 +0000</pubDate>
<dc:creator>Martin</dc:creator>
<guid>http://homosociologicus.de/2008/01/07/mullberge-warum-neapel-nicht-palermo-ist/</guid>
<description><![CDATA[Posted by Martin Booker © 2008 Die Müllberge von Neapel gibt es schon lange. Seit die Bewohner sie a]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p><i>Posted by Martin Booker © 2008</i></p>
<p>Die Müllberge von Neapel gibt es schon lange. Seit die Bewohner sie aber öfter mal in Brand stecken und sich inzwischen sogar die italienische Regierung eingeschaltet hat, haben sie es auch hierzulande in die Hauptnachrichten geschafft. Der Schuldige ist schnell benannt: Es ist die Camorra, die örtliche Verbrecherorganisation, die gerne mal die Müllgebühren kassiert, sich aber nicht um dessen Abtransport kümmert. Dass ganz Süditalien in der Hand solcher Organisationen ist, weiss inzwischen auch jedes Kind. In Neapel die Camorra, in Kalabrien die &#8216;Ndrangheta, auf Sizilien die Mafia. Was aber sind die Unterschiede dieser Organisationen? Warum gibt es in Neapel Müllberge, in Palermo jedoch nicht? <!--more--></p>
<p>Max Weber ist immer für die Wertfreiheit der Soziologie eingetreten. Dies will ich in den  folgenden Zeilen konsequent umsetzen.</p>
<p>Camorra und Mafia haben vor allem eines gemeinsam: Sie sind Wirtschaftsunternehmen, die ausserhalb der offiziellen Wirtschaft und ihren sog. Gesetzen agieren. Beide handeln weltweit mit Drogen und Müll, beide haben in ihren Stammgebieten und darüber hinaus (beispielsweise in Deutschland) ein Netzwerk von Patronen und Klienten, die rege Austauschbeziehungen von Schutzgeld und Schutzleistungen unterhalten. Um den Betrieb aufrecht erhalten zu können, werden weitere Klienten aus dem Staatsapparat angeworben. Insbesondere die italienische Politik und Justiz profitieren durch Zusatzeinkommen von den Erträgen der Organisationen und machen im Gegenzug den reibungslosen Betriebsablauf möglich.</p>
<p>Neben Unterschieden im Organisationsgrad und den Tätigkeitsbereichen von Mafia und Camorra, offenbart sich unter dem Schmutzmantel der Müllberge vor allem eine unterschiedliche PR-Strategie der beiden Unternehmen. Denn während die Mafia gelernt hat, dass sie die Unterstützung der Bevölkerung braucht, scheint sich die Weisheit bei den Machern in Neapel (noch) nicht durchgesetzt zu haben.</p>
<p>Auch die Mafia hatte ihre Öffentlichkeitskrisen. Insbesondere durch die Mafiakriege der 80er Jahre, in denen sich verfeindete Clans in Palermo in aller Öffentlichkeit über den Haufen schossen und gelegentlich auch unschuldige Zivilisten mitnahmen, traten hier Lerneffekte ein. Die palermitische Öffentlichkeit wandte sich gegen die nicht gerade heimlichen Herrscher ihrer Stadt und verweigerte zunehmend die Kooperation. Vielmehr wurde seit den 80er Jahren die Marktmacht der Mafia sogar etwas eingedämmt. Seitdem hält sich das Unternehmen auch eher im Hintergrund. Man versucht, die Menschen nicht gegen sich aufzubringen und agiert lieber im Verborgenen.</p>
<p>Die Camorra hingegen verfolgt keine besonders geschickte PR-Strategie. Vielmehr bringt sie mit ihrer kurzfristigen Geschäftstaktik die Bevölkerung in ihrem Stammland gegen sich auf. Die Neapolitaner wenden sich gegen die Camorra und verlangen vom Staat, ihr Einhalt zu gebieten. Wie weit die Aktionen des Staates gehen werden, ist eine offene Frage. Immerhin dürfte die Camorra genügend Geschäftsverbindungen mit Polizei und Justiz unterhalten, um allzu drastische Maßnahmen unterbinden zu können. Andererseits hat Prodi die Müllberge zur Chefsache erklärt. Wer weiss, vielleicht wird sich diese verfehlte PR-Strategie als Anfang vom Ende des traditionsreichen Großunternehmens erweisen.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>

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