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	<title>spuren-des-evangeliums &amp;laquo; WordPress.com Tag Feed</title>
	<link>http://en.wordpress.com/tag/spuren-des-evangeliums/</link>
	<description>Feed of posts on WordPress.com tagged "spuren-des-evangeliums"</description>
	<pubDate>Wed, 02 Dec 2009 16:58:44 +0000</pubDate>

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<title><![CDATA[Von Obama lernen (3): Traditionelle Kulturen und die Moderne]]></title>
<link>http://tiefebene.wordpress.com/2009/07/14/von-obama-lernen-3-traditionelle-kulturen-und-die-moderne/</link>
<pubDate>Tue, 14 Jul 2009 06:22:06 +0000</pubDate>
<dc:creator>tiefebene</dc:creator>
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<description><![CDATA[Nachdem ich mich mit Barack Obamas Biografie beschäftigt habe, möchte ich sie nun als Teil eines grö]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p style="color:#000000;line-height:135%;">Nachdem ich mich mit Barack Obamas Biografie <a href="http://tiefebene.wordpress.com/2009/07/06/von-obama-lernen-2/">beschäftigt habe</a>, möchte ich sie nun als Teil eines größeren, weltweiten Themas verstehen: der Begegnung der älteren, traditionellen Kulturen mit der weißen Moderne.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Obamas kenianischer Großvater und Vater waren keine typischen Mitglieder ihrer Dorfgemeinschaft. Sie waren irgendwie anders, unruhig, unzufrieden. Sie sahen in der Begegnung mit den Weißen eine Chance, aus ihrer bisherigen Welt auszubrechen und neue Perspektiven zu gewinnen. Obamas Großvater arbeitete bei Europäern, seinem Vater gelang es, ein Stipendium zum Studium in Amerika zu bekommen.  Beide waren hin- und hergerissen zwischen ihrer Herkunft und der westlichen, weißen Kultur.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Beiden ist diese Zerreißprobe persönlich nicht gut bekommen. Obamas Vater macht den Eindruck eines Getriebenen, der die unterschiedlichen Teile seiner Biografie nicht mehr integrieren kann: seine verschiedenen Frauen unterschiedlicher Hautfarbe und die zugehörigen Kinder, seine Heimat in einem afrikanischen Dorf und seine Karriere im Staatsdienst, Wohlstand und Armut, nachdem er mit dem korrupten System in Konflikt kam. Trotz erstaunlicher persönlicher Fähigkeiten hat er manche Perioden seines Lebens, besonders am Ende, nur mit viel Alkohol ertragen können. Er lebte in einer Situation, die die Schwächen eines Menschen gnadenlos aufdeckt, und in der er eigentlich nur scheitern konnte. Dass er trotzdem immer wieder erstaunliches Format zeigt, ist Grund genug für Wertschätzuung und Anerkennung.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">In Barack Obamas Buch entsteht so ein vielschichtiges Bild seiner Vorfahren, wo nichts beschönigt, aber auch nichts verurteilt wird. Stattdessen erkennt Obama, dass es seine Aufgabe ist, den Weg seiner Vorfahren zu einem besseren Ende zu bringen (deshalb der englische Titel: &#8220;Dreams from my father&#8221;). Er nimmt die Geschichte seiner Familie als sein Erbe an.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Die Zerreißprobe, in die Obamas Vorfahren schon früh gerieten, ist die Begegnung der traditionellen afrikanischen Kultur mit der modernen westlichen Zivilisation. Sie kamen aus einer Welt, in der jeder seinen Platz hat, wo man nie allein und erst recht nicht einsam ist. Familien, Dörfer und Stämme halten zusammen, und alles ist in eine uralte Ordnung eingebettet, an die man sich halten muss. Aber diese Kultur hat auch ihre Schattenseiten. Obamas Vorfahren haben sie offensichtlich schon früh als einengend erlebt und versucht, ihren eigenen Weg zu gehen.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">So stießen sie auf die Welt der Weißen, die für sie viele Versprechen beinhaltete: Ausbruch aus der Enge, keine Armut, neue Möglichkeiten. Aber in der Welt der Weißen ist man auch oft allein. Es gibt keinen sicheren Status, für Schwarze sowieso nicht. Und wenn afrikanische Staaten die europäischen Organisationsformen einführen (und trotzdem weiter die alten Stammesloyalitäten gelten), entsteht ein Mischmasch, der nicht gut funktioniert.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Wer in diese Widersprüche gerät, wird brutal mit der Frage konfrontiert, wer er eigentlich ist und wo er hingehört. Und es übersteigt in der Regel die Kräfte eines Menschen (und sei er noch so stark und zäh), eine neue Identität zu konstruieren, für die es kein Vorbild gibt. Obamas Vater hatte eine beeindruckende Gabe, mit persönlicher Kraft viele Widersprüche zu überwinden oder wenigstens zur Seite zu schieben. Aber auch er hat viele Abgründe mit Illusionen überdeckt, die eines Tages nicht mehr tragfähig waren.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Diese Zerreißprobe ist natürlich nicht nur ein afrikanisches Thema. Sie ist nur dort unübersehbar, weil sie einen ganzen Kontinent betrifft (und durch die schwarzen Amerikaner einen zweiten). Aber im Grunde sind durch die Begegnung mit der weißen Kultur alle traditionellen Völker immer in ähnliche Krisen geraten: die Ureinwohner Amerikas und Australiens, die Inuit, aber auch die islamischen Länder, Indien, China, Japan. Je nach Eigenart dieser Kulturen und dem Verlauf der Begegnung hat das sehr unterschiedliche Ergebnisse gehabt. Aber die Widersprüche zwischen den traditionellen, eher kollektiv angelegten Kulturen und der individualistischen westlichen Zivilisation sind weltweit zu spüren. Vielleicht ist das sogar der zentrale Konflikt unserer Epoche. Uns fällt er nur nicht so auf, weil wir im Zentrum der westlichen Kultur leben.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Trotzdem frage ich mich, ob es nicht auch bei uns Spuren dieses Konflikts gibt. Aber dazu komme ich nun doch erst im nächsten Post.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Von Obama lernen (2)]]></title>
<link>http://tiefebene.wordpress.com/2009/07/06/von-obama-lernen-2/</link>
<pubDate>Mon, 06 Jul 2009 05:33:00 +0000</pubDate>
<dc:creator>tiefebene</dc:creator>
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<description><![CDATA[Der erste Post in dieser Reihe thematisierte die Reden Obamas; hier geht es um die Einbettung in sei]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p style="color:#000000;line-height:135%;">Der <a href="http://tiefebene.wordpress.com/2009/07/02/von-obama-lernen-1/">erste Post</a> in dieser Reihe thematisierte die Reden Obamas; hier geht es um die Einbettung in seine Biografie.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Barack Obama ist schwarzer Amerikaner mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf: sein kenianischer Vater lebte weit entfernt, er wuchs auf bei seiner weißen Mutter und ihren Eltern in Hawaii, für einige Zeit auch in Indonesien, in einer wenig rassistisch geprägten Umgebung. So ist ihm in seiner Kindheit lange nicht wirklich klar gewesen, dass er schwarz ist.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;"><a href="http://www.amazon.de/Ein-amerikanischer-Traum-Geschichte-Familie/dp/3423345705/ref=sr_1_1?ie=UTF8&#38;s=books&#38;qid=1246789932&#38;sr=8-1"><img style="max-width:800px;float:right;margin-top:10px;margin-bottom:10px;margin-left:10px;" src="http://ecx.images-amazon.com/images/I/516l4bAg1ZL._SL500_AA240_.jpg" alt="" /></a><strong>Von der Hautfarbe eingeholt</strong><br />
Trotzdem hat ihn in seiner Jugend seine Hautfarbe eingeholt. Ich habe bisher noch nirgendwo so eindrucksvoll wie in Obamas <a href="http://www.amazon.de/Ein-amerikanischer-Traum-Geschichte-Familie/dp/3423345705/ref=sr_1_1?ie=UTF8&#38;s=books&#38;qid=1246789932&#38;sr=8-1">Buch</a> beschrieben gefunden, was es bedeutet, ein schwarzer Amerikaner zu sein: seiner Hautfarbe nicht entkommen zu können, von ihr her definiert zu werden, auf Ablehnung oder herablassende Freundlichkeit zu stoßen. Eine weiße Freundin zu lieben und zu wissen: in ihrer Familie werde ich immer ein Fremder bleiben. Immer wieder zu spüren: ich bin anders, ausgeschlossen, für mich ist vieles nicht einfach normal, was für Weiße selbstverständlich ist.<br />
Obama beschreibt Wege, mit denen er und andere auf diese Situation als schwarze Amerikaner reagiert haben: z.B. unter sich bleiben, das Problem ignorieren, Selbsthass, eine bewusst schwarze Identität ausbilden, Islam, Drogen, sich irgendwie durchschlagen.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;"><strong>Wendepunkt Chicago</strong><br />
Anscheinend war es für Obama der entscheidende Schritt, dass er 1985 mit Stadtteilarbeit in der Southside von Chicago begann &#8211; einem Stadtviertel, das durch die Schließung der Stahlwerke in Arbeitslosigkeit und Depression abzurutschen begann. Hier bekam er praktischen Kontakt mit den Traditionen der Bürgerrechtsbewegung (die er schon von seiner Mutter her kannte), und hier stieß er auf die Kraft der kleinen Leute, die sich ohne großes Pathos trotz ihrer desolaten Lage die Hoffnung bewahren und daraus Kraft schöpfen, auch wenn sie nicht unempfänglich sind für selbstschädigende Einflüsse. Beides hat ihm wohl geholfen, für sich einen Weg jenseits des schwarz/weiß-Gegensatzes zu finden. Hier lernte er auch in der Trinity-Gemeinde von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jeremiah_Wright" target="_blank">Rev. Wright</a> ein Christentum kennen, das gerade in seiner Spiritualität relevant war für die schwarzen Gemeindemitglieder.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;"><strong>Auf der Suche nach den Wurzeln</strong><br />
In dieser Situation fasste er zwei Entschlüsse: Jura zu studieren, um die Machtverhältnisse von innen heraus zu verstehen, und vorher die Familie seines inzwischen verstorbenen Vaters in Kenia zu besuchen. Dem Besuch in Kenia ist der dritte Teil des Buches (nach Kindheit/Jugend und Chicago) gewidmet. Obama beschreibt ihn mit allen Licht- und Schattenseiten: Armut und Korruption, die Verantwortungslosigkeit der Männer, den Streit in der Familie. Die Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit der Menschen, das Zugehörigkeitsgefühl, das er dort sofort erlebt, obwohl er vorher mit der Familie noch nie zu tun hatte. Die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, die aber immer wieder verraten werden. Er beschreibt, ohne zu verurteilen oder zu glorifizieren. Am Ende sitzt er am Grab seines Vaters, der im Zerbrechen der alten Gesellschaft und der Begegnung mit der weißen Moderne versucht hat, seinen Weg zu finden und immer wieder an seine Grenzen gestoßen ist &#8211; wie schon der Großvater.<br />
An dieser Stelle ist das Buch fast zu Ende. Es folgt ein Blitzlicht auf Obamas Jurastudium (und seinen Versuch, Gesetze wieder als Ausfluss der Ideale von 1776 zu lesen) und am Ende eine kurze Schilderung seiner Hochzeit mit Michelle, die aus der Southside von Chicago kommt. Die Trauung hält Rev. Wright. In den Gästen sind alle Traditionslinien, denen Obama sich verdankt, repräsentiert, von Afrika über Hawaii bis Chicago. Es ist eine optimistische Szene, voller Hoffnung, und Obama schließt mit den Worten, dass er in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt war.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;"><strong>Integration auf der Basis amerikanischer Ideale</strong><br />
Obama hat seinen Weg gefunden: die Realität, einschließlich der schmerzhaften Vergangenheit, muss wahrgenommen werden, mit ihrem ganzen Licht und ihren Schatten. Aber sie muss zusammengebracht werden mit den besten Traditionen Amerikas. Wo das Christentum so fundamentalistisch verseucht ist wie in den USA, redet ein säkular geprägter Mensch wie Obama lieber vom &#8220;amerikanischen Traum&#8221; als vom Evangelium. Aber in der Argumentationsstruktur des Buches wie in seinen späteren Reden steht der &#8220;amerikanische Traum&#8221; genau an der Stelle, wo &#8211; theologisch gedacht &#8211; der Ort des Evangeliums wäre.<br />
Was Obama 1995 aufgeschrieben hat, passt zu dem, was er seit 2004 in seinen politischen Reden als Programm entfaltet. Es ist die Aufnahme eines enorm breiten Realitätsspektrums, das ihn glaubwürdig erscheinen lässt. Die Integration all dieser Wirklichkeiten im Zeichen des amerikanischen Traumes ist das Thema fast aller seiner Reden &#8211; so durchgehend, dass es im Internet schon eine <a href="http://osmoothie.com/2009/06/05/write-your-own-obama-speech/">Anleitung &#8220;Verfass deine eigene Obama-Rede&#8221;</a> gibt.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;"><strong>Werte realpolitisch</strong><br />
Man kann an Obama sehen, dass es im Hintergrund der Politik auch ganz machtrealistisch um die kreative Bildung von Werten geht. Sie können neue Mehrheiten produzieren. Was als persönlicher Kampf eines Schwarzen aus Hawaii um seine Identität begann (und schon viel früher als Aufbruch seines unangepassten Großvaters), hat 30 Jahre später weltweite Folgen.<br />
Wie sich das im Alltagsgeschäft der Politik bewähren wird, ist die Frage der Zukunft. Kaum einer kommt da ohne Schrammen durch. Wer Versöhnung auf seine Fahnen geschrieben hat, kann Probleme bekommen, wenn sich reale Gegensätze zuspitzen und nicht mit Formeln zu überbrücken sind. Aber man kann klar erkennen, dass Obamas Grundansatz fest in seiner Biografie verankert ist. Es ist kein rhetorischer Trick zum Zweck der Präsidentenwahl (und deswegen ist er auch nicht mal schnell für die deutsche Bundestagswahl kopierbar). Gut, wenn ein amerikanischer Präsident so breit mit der Realität umgehen kann &#8211; auf eine fast kontemplative Weise. Das hatten wir schon lange nicht mehr. Hoffen und beten wir, dass sein <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/United_States_Secret_Service">Secret Service</a> besser auf ihn aufpasst als auf Kennedy.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Im <a href="http://tiefebene.wordpress.com/2009/07/14/von-obama-lernen-3-traditionelle-kulturen-und-die-moderne/">nächsten Post</a> dieser Reihe will ich mir Gedanken über den Zusammenstoß der weißen Moderne mit den älteren indigenen Kulturen machen &#8211; das Problem, das Obamas kenianische Familie seit mindestens drei Generationen bewegt und verstört hat.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Von Obama lernen (1)]]></title>
<link>http://tiefebene.wordpress.com/2009/07/02/von-obama-lernen-1/</link>
<pubDate>Thu, 02 Jul 2009 15:24:56 +0000</pubDate>
<dc:creator>tiefebene</dc:creator>
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<description><![CDATA[Ich habe in den letzten Wochen zwei Bücher über bzw. von Barack Obama gelesen: ein Buch über seine R]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p style="color:#000000;line-height:135%;">Ich habe in den letzten Wochen zwei Bücher über bzw. von Barack Obama gelesen: ein Buch über seine Rhetorik (&#8220;Sags wie Obama&#8221; von Shel Leanne) und seinen eigenen Bericht über seine Identitätsfindung (&#8220;Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie&#8221;).</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;"><a href="http://www.amazon.de/gp/product/370930265X/ref=ox_ya_oh_product" target="_blank"><img style="max-width:800px;float:left;margin-top:10px;margin-bottom:10px;margin-right:10px;" src="http://ecx.images-amazon.com/images/I/41ZjwkKiXdL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-arrow-click,TopRight,35,-76_AA240_SH20_OU03_.jpg" alt="" /></a>Das erste Buch ist eigentlich nur wegen der ausführlich wiedergegebenen Reden lesenswert. Beim Lesen der Reden bestätigt sich im Detail der Eindruck, den die Fernsehübertragungen hinterlassen haben: hier spricht einer, der es wirklich kann. Seine Reden sind politische Predigten, und alle, die Predigten für etwas Langweiliges halten, müssen sich eines Besseren belehren lassen. Thema ist fast immer die Wiedergewinnung von Einheit und Solidarität durch die Erneuerung der freiheitlichen amerikanischen Traditionen (Unabhängigkeitskrieg, Besiedelung des Landes, Lincoln, Große Depression und New Deal, Kampf gegen den Faschismus, Kennedy, M.L. King und die Bürgerrechtsbewegung). Beim Lesen wird deutlich, dass man die Geschichte der USA tatsächlich als erfolgreiche Freiheitsgeschichte erzählen kann. Und Obama kann sie so erzählen, dass man elektrisiert ist. Die Schattenseiten dieser Geschichte tauchen eher am Rande auf. Zwischen den Zeilen merkt man, dass Obama sie kennt, sie aber mit Nichtbeachtung straft oder im Interesse der Einheitsthematik höchstens andeutet. Es ist schon eine erstaunliche Leistung, wie Obama offensiv einen freiheitlich-sozialen Patriotismus definiert und ihn gegen das Bush-Amerika wendet.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Im Vergleich dazu merkt man erst richtig, wie arm Deutschland an geschichtlich realisierten freiheitlichen Traditionen ist. Amerika ist von denen gegründet worden, die hier in Europa keinen Platz mehr hatten und ein gesundes Misstrauen gegen eine übermächtige Staatsmacht entwickelten. Das schuf Raum für Mythen und Visionen, die Obama mit &#8220;Yes, we can&#8221; genial zusammengefasst hat. In Deutschland dagegen hat die Staatsmacht noch jede nicht von ihr kontrollierte Bewegung der Menschen entweder zerschlagen, totignoriert, diffamiert, entschärft oder sich selbst unter den Nagel gerissen. Uns hat man das Können ausgetrieben oder madig gemacht. Das gilt für Politik wie Kirche. Die deutsche demokratische Bewegung von 1848 ist &#8211; anders als die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung von 1776 &#8211; gescheitert. Wir hatten keinen Kennedy und keinen Martin Luther King.<br />
Dennoch kann es sinnvoll sein, nach gelungenen Passagen in der deutschen Geschichte zu suchen, die eine Grundlage für eine gemeinsame Identität abgeben können. Auch wenn sie weniger glanzvoll sind. Vielleicht wäre die Erarbeitung des Grundgesetzes solch eine viel zu selten genutzte Erinnerung. Oder der Aufbruch von 1968 als nachgeholte eigene Verabschiedung von Faschismus und Obrigkeitsstaat. Oder die friedliche Revolution in der DDR.<br />
An diesen Beispielen wird aber auch der Unterschied schmerzlich bewusst: die Kämpfe um die amerikanische Unabhängigkeit sind ein Mythos, den die ganze Nation teilt, mit Heroen und Schurken, Kämpfen und Opfern, mit Glauben, der auch angesichts von Niederlagen durchhält. Dagegen fällt natürlich die Nationalversammlung von 1848 oder auch ein Verfassungskonvent ziemlich ab. 1968 hat nur ein Teil der Bevölkerung als Befreiung erlebt. Und die friedliche Revolution von 1989 hat fast niemanden, der sich im Nachhinein noch damit identifizieren möchte. Warum?</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Ähnlich ist es mit der Kirchengeschichte. Vielleicht taugt gerade noch Bonhoeffer zur fraktionsübergreifend anerkannten Heiligengestalt. Verdient hat er es allemal. Aber als Erfolgsgeschichte kann man sein Leben kaum erzählen, noch nicht mal in dem Sinn, dass seine Entdeckungen nach seinem Tod umgesetzt worden wären (hoffentlich kommt das noch).<br />
Lange Zeit war Martin Luther in der evangelischen Hälfte Deutschlands ein allgemein anerkannter Heros. Nicht so sehr seine Schattenseiten (die ja beim zweiten Blick fast alle Heldengestalten haben) haben ihn inzwischen beschädigt, sondern viel mehr das polternde Pathos seiner Anhänger, die sich bei ihm eine Stärke holen wollten, über die sie selbst nicht verfügen. Nicht selten sorgt die Rezeptionsgeschichte erst dafür, dass historische Gestalten und Ereignisse als Orientierungspunkte verbrannt werden.<br />
Somit wird die Suche nach positiven kirchlichen Traditionen oft erst an fernen Orten fündig: die irischen Mönche, die frühen mitteleuropäischen Missionare, Teile des Mönchtums überhaupt, Franz von Assisi, die englischen Kämpfer gegen den Sklavenhandel.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Unter dem Strich bleibt uns die Aufgabe einer kritischen, dialektischen Aufnahme unserer Traditionen. Ohne ihre Schattenseiten zu verleugnen, sollten sie doch als Quelle der Inspiration gelesen werden. Der Pietismus, die Herrnhuter, die Aufklärung (ja, auch die!), die christlichen Jugendbewegungen, die Bekennende Kirche, da gibt es wohl noch einiges zu entdecken. Nicht zuletzt vielleicht auch in der Geschichte der je eigenen Gemeinde. Wie gesagt, kritische Aufnahme, denn es gibt eben auch viel Enttäuschendes. Und trotzdem: wer es schafft, die Menschen an ihre besten Seiten (bzw. Traditionen) zu erinnern, kann Erstaunliches freisetzen. Das ist Obama auf eine massentaugliche und dennoch verantwortliche Weise gelungen. Der Erfolg hat ihn bestätigt.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Ist Obama aber glaubwürdig? Wird er über kurz oder lang sein Charisma einbüßen, so dass sich die Berufsskeptiker im deutschen (nicht nur journalistischen) Geschäft auf die Schulter klopfen können, weil sie das schon immer kommen sahen? Antworten dazu habe ich in Obamas Buch über seine Familiengeschichte gesucht, das ja schon lange Zeit vor seiner politischen Karriere (nämlich 1995) geschrieben wurde. Mehr darüber im nächsten Teil.</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Goldene Worte vom Emergent Forum in Erlangen]]></title>
<link>http://tiefebene.wordpress.com/2008/11/29/goldene-worte-vom-emergent-forum-in-erlangen/</link>
<pubDate>Sat, 29 Nov 2008 16:51:56 +0000</pubDate>
<dc:creator>tiefebene</dc:creator>
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<description><![CDATA[In Erlangen ist gerade Emergent Forum. Ich wäre gern hingefahren, aber das geht gerade nicht. Zum Gl]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>In Erlangen ist gerade Emergent Forum. Ich wäre gern hingefahren, aber das geht gerade nicht. Zum Glück kann man auch aus der Ferne beim <a href="http://emergent-deutschland.de/#">Lifeblogging</a> miterleben, was da so in Impulsen und Arbeitsgruppen läuft. Toll! Aber dabeigewesen wäre ich trotzdem gern, allein schon wegen dem augenscheinlich leckeren Essen.<br />Auf dem Lifeblog fielen mir aber immer wieder schöne Zitate auf, die es verdienen, nicht einfach im Stream unterzugehen.<br />Hier will ich ein paar davon festhalten:<br />
<blockquote>Das Patriarchat ist eine Folge des Sündenfalls und nicht die Schöpfungsordnung. Die Erlösung durch Jesus bedeutet Überwindung des Patriarchats. Gemeinde ist etwas vollkommen Neuartiges, ein Vorgeschmack auf den Himmel. Gemeinde ist weder patriarchalisch noch matriarchalisch strukturiert, sondern Frauen und Männer arbeiten zusammen und ordnen sich einander unter. <br />&#8230;<br />Aus dem Missverständnis, dass experimentelle Formen keine Leitung bräuchten, ergibt sich ein Leitungsvakuum. In dieses Vakuum springen, aus patriarchalischer Gewohnheit, die Männer.<br /><i>(Christina Müller ht DoSi)</i></p></blockquote>
<blockquote><p>Stell dich dumm, dann wirst du nicht zur Verantwortung gezogen.<br />Sei lieb, dann wirst du geliebt.<br />Kritisiere nicht, dann wirst du nicht kritisiert.<br />Beschuldige dich selbst, dann wirst du nicht beschuldigt.<br /><i>(Christina Müller ht DoSi)</i></p></blockquote>
<blockquote><p>1. Männer haben das Recht, mit Frauen zusammenzuarbeiten. Männer haben die Pflicht, Frauen zu dieser Zusammenarbeit zu ermutigen und die üblichen Ausreden von Frauen als verinnerlichte Sexismen zu enttarnen. Männer haben die Pflicht, Frauen Platz zu machen.<br />2. Frauen haben das Recht, mit Männern zusammenzuarbeiten. Frauen haben die Pflicht, Männer zu ermahnen, wenn diese die von Frauen verinnerlichten Sexismen zur Sicherung der eigenen Macht aufrechterhalten und verstärken. Frauen haben die Pflicht, sich gegenseitig auf subtile sexistische Mechanismen hinzuweisen und den patriarchalischen Lügen biblische Wahrheiten entgegenzuhalten.<br /><i>(Christina Müller ht haso)</i></p></blockquote>
<blockquote><p>In der Urchristenheit hatten Frauen einen viel höheren Wertstellung als in der übrigen Gesellschaft. Warum ist das in unseren Gemeinden gerade andersrum?<br /><i>(Peter ht DoSi)</i></p></blockquote>
<blockquote><p>Es müssen sich manchmal erst die Verhältnisse ändern, damit sich das Denken ändert.<br /><i>(Christina Müller ht Hufi)</i></p></blockquote>
<blockquote><p>Ich glaube, der Unterschied zwischen den Persönlichkeiten ist größer als der zwischen den Geschlechtern.<br /><i>(Peter)</i></p></blockquote>
<blockquote><p>spätantike war postmoderne ohne strom<br /><i>(onkelhenni via twitter)</i></p></blockquote>
<blockquote><p>In der Welt stoßen wir überall auf Gottes Spuren, der sich nicht aus ihr zurückgezogen hat. &#8230;<br />Wie wird man den Juden ein Jude, wenn man sich nicht auf ihn einlässt und von ihm nichts lernen will? Wir müssen mit den Menschen einen Dialog eingehen. &#8230;<br />Eine Welt, die von patriarchalen Strukturen besetzt ist, ist eine korrumpierte Welt. Wir werden das Problem zwischen Mann und Frau nie lösen, wenn wir dem Teufel nicht Widerstand leisten.<br /><i>(Johannes Reimer ht DoSi)</i><br />Jesus ist der Weg. Aber ein Weg ist da, um zu gehen. Nicht zu stehen. Oder Denkmäler zu bauen.<br /><i>(Johannes Reimer ht Kerstin)</i><br />Ich finde in dieser Welt überall Menschen, die sich um die Umgestaltung der Welt in diesen Shalom kümmern, die keine Christen sind. &#8230;<br />Zugleich muss man aber auch ganz klar Stellung beziehen &#8211; unser Kampf ist nicht mit Fleisch und Blut. &#8230; Wir haben nicht mit einem Gottesprinzip und auch nicht mit einem Satansprinzip zu tun, sondern mit Mächten und Gewalten, die auch personal tätig werden<br /><i>(Johannes Reimer ht Björn)</i><br />Darüber hinaus dürfen wir die personalen Mächte und Kräfte nicht vernachlässigen, ihnen direkt widerstehen und nicht nur ihre Ergebnisse bekämpfen.<br /><i>(Johannes Reimer ht DoSi)</i></p></blockquote>
<blockquote><p><span>Im bürgerlichen Kontext ist das Wohlstandevangelium ein Missverständnis des Evangeliums, unter Armen nicht.</span><br />&#8230;<br /><span>Haso erzählt davon, dass Gebete, bei denen &#8220;Geister über Kreuzberg&#8221; gebrochen werden sollten, keine Wirkung zeigten, aber die Beter eben auch Vorstadtchristen waren, die mit Kreuzberg nicht in Touch waren. </span><span>Bis Christen ihre Gebetsveranstaltung auf das säkulare Myfest in Kreuzberg verlegten. Das war am Anfang vielleicht noch nicht vollständig kontextualisiert, aber nach einiger Entwicklung&#8230;</span><br />&#8230;<br />Charismatische Frömmigkeit in ein anderes Setting hineinbringen und auch für Nichtchristen offen halten, verhilft ihr zu einer sinnvollen Existenz.<br />&#8230;<br />Glaubensentwicklung verläuft nicht linear. In der Praxis charismatischer Frömmigkeit muss man das drinnen-draußen denken ruhig mal überwinden. Haso kennt Muslime, denen vor wichtigen Entscheidungen im Traum Jesus erscheint und etwas sagt. &#160; &#160; &#160; &#160; &#160;&#160; &#160; <br /><i>(aus dem Workshop &#8220;Postcharismatik&#8221; ht Blogomotion)<br /></i></p></blockquote>
<blockquote><p>Man kann sich verstecken. Man muss nicht an seiner eigenen Geschichte arbeiten, sondern nimmt das als Generalausrede, dass man eben ne Frau, das arme Opfer ist&#8230;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160; <br /><i>(aus dem Workshop &#8220;Gleichberechtigung&#8221; ht Jule)</i></p></blockquote>
<blockquote><p>Wer Kritik abblockt wird nicht christlicher, sondern fanatisch.<br /><i>(aus dem Workshop &#8220;Kritik und Glaube&#8221; ht Lennart)</i></p></blockquote>
<blockquote><p>Pastor Sandy:  @hase und ich ärgere mich immer noch dass ich nicht da war<br />Pastor Sandy:  hups: meinte natürlich hasO!<br />Simon:  @ PS: du darfst Haso Hase nennen?<br />Tanja:  ich finde Hase irgendwie süß!<br />fischerman:  ja, die spannung gilt es, auszuhalten. denn wenn man sich selbst verliert, ist nichts gewonnen.<br />Pastor Sandy:  jaja&#8230; wegen berlin connection.. ähem&#8230; TIPPFEHLER!!!!! <i><br />(aus dem Liveblog)</i></p></blockquote>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Was ist die Säkularisierung eigentlich heute?]]></title>
<link>http://tiefebene.wordpress.com/2008/05/06/was-ist-die-sakularisierung-eigentlich-heute/</link>
<pubDate>Tue, 06 May 2008 10:56:33 +0000</pubDate>
<dc:creator>tiefebene</dc:creator>
<guid>http://tiefebene.wordpress.com/2008/05/06/was-ist-die-sakularisierung-eigentlich-heute/</guid>
<description><![CDATA[Es ist schon einige Zeit her, dass Tobias auf seinem Blog mehrere Beiträge (hier, hier, hier und hie]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p style="color:#000000;line-height:135%;">Es ist schon einige Zeit her, dass Tobias auf seinem <a href="http://pickaboo.typepad.com/" target="_blank">Blog</a> mehrere Beiträge (<a href="http://pickaboo.typepad.com/pickaboo/2007/12/wer-sind-wir-he.html">hier</a>, <a href="http://pickaboo.typepad.com/pickaboo/2007/12/wer-sind-wir--1.html" target="_blank">hier</a>, <a href="http://pickaboo.typepad.com/pickaboo/2008/01/wer-sind-wir-he.html" target="_blank">hier</a> und <a href="http://pickaboo.typepad.com/pickaboo/2008/01/wer-sind-wir--1.html" target="_blank">hier</a>) (und jetzt auch <a title="Neuester Beitrag vom 9.5.2008" href="http://pickaboo.typepad.com/pickaboo/2008/05/wer-sind-wir-he.html?cid=113906766#comment-113906766" target="_blank">hier</a>) zur religiös-geistigen Situation der Gegenwart veröffentlicht hat. Er macht dabei keine Schnellschüsse, sondern versucht ausdrücklich, unser Heute im Rahmen einer längeren Entwicklungsgeschichte zu verstehen. Also keine kurzfristigen Handlungsrezepte, sondern zuerst einmal verstehen, was eigentlich vorgeht: in welchem Prozess wir uns im Augenblick befinden.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Dazu stellt er verschiedene Theorieansätze vor, mit denen die Situation der Religion &#8211; vor allem in Europa &#8211; beschrieben worden ist:</p>
<ul>
<li>Der bisher wirkungskräftigste Ansatz war die Säkularisierungsthese: Religion ist eine vorwissenschaftliche Denkweise, die durch rationalere Denkmuster ersetzt werden wird und auf ihr Aussterben zugeht.</li>
<li>Diese These wird jedoch inzwischen einfach durch das faktische und vitale Überleben der Religion im Weltmaßstab widerlegt. Sie ist auch nicht mehr das herrschende Denkmuster in der Religionssoziolgie.</li>
<li>Vielmehr gerät die Säkularisierungsthese selbst in Ideologieverdacht: sie hat zum Teil erst die Wirklichkeit hervorgebracht, die sie zu beschreiben vorgibt; sie war selbst ein Kampfbegriff. Aber sogar im stark säkularisierten Europa, das im Weltmaßstab eine Ausnahme ist, greift sie nicht: die länderspezifischen Unterschiede (etwa das katholische Polen neben dem gottlosen Ostdeutschland, dem ebensolchen Tschechien und dem gemischten Westdeutschland &#8230;) sind nicht nach dem Muster Fortschritt/Rückständigkeit zu erklären.</li>
<li>Der Religionspädagoge Dressler schlägt einen anderen Erklärungsrahmen vor: die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft lässt es nicht zu, dass ein Subsystem (die Religion) die ideologische Kontrolle über die ganze Gesellschaft übernimmt.</li>
</ul>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Tobias hat ausdrücklich zum Mit- und Weiterdenken eingeladen. Das will ich mit einiger zeitlicher Verzögerung hier tun.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Ich empfinde es als zentrales Defizit all dieser Theorien, dass sie von einem allgemeinen Religionsbegriff ausgehen und die christliche Religion darunter subsummieren. Wenn die Religionssoziologie inzwischen feststellt, dass es Säkularisierung eigentlich nur in Europa und bei den weltweiten europäisch geprägten Eliten gibt, dann stellt sich ja die Frage nach dem Grund dieser Sonderstellung.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Die naheliegende Hypothese wäre dann doch, dass die Säkularisierung kein allgemeines Gesetz ist, sondern eine Frucht der besonderen Religion, die Europa geprägt hat: des Christentums. Wieso ist gerade auf dem Boden des Christentums eine mindestens teilweise religionslose Gesellschaft entstanden? Ist das historischer Zufall, oder hängt das mit den spezifischen Inhalten des Christentums zusammen?</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Die Frage so zu stellen bedeutet natürlich, dass man das Zweite vermutet. Genauso kann man dann aber auch unterstellen, dass es ein blinder Fleck der Religionssoziologie ist, wenn sie diesen spezifisch christlichen Sonderweg der Religion in Europa nicht angemessen wahrnimmt (ich kenne mich allerdings nicht gut genug auf diesem Felde aus, um sagen zu können, ob das durchgehend so ist. Das weißt du sicher besser, Tobias!).</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Ich denke, dass eine angemessene Theorie der christlichen Religion in Europa mindestens die folgenden Besonderheiten berücksichtigen müsste:</p>
<ol>
<li>Den besonderen inhaltlichen Impuls des Christentums (Max Weber hat gezeigt, welche revolutionären gesellschaftlichen Entwicklungen der angestoßen hat)</li>
<li>Die konkurrenzlose Monopolstellung des Christentums in Europa (&#8220;Religion&#8221; bedeutete hier über Jahrhunderte &#8220;Christentum&#8221; &#8211; in anderen Gegenden der Welt erlebt man durchaus mehrere Religionen nebeneinander)</li>
<li>Die staatsgestützte ideologische Dominierung der Gesellschaft durch die Kirche(n)</li>
<li>Die Verformung des christlichen Impulses durch diese dominierende Stellung</li>
<li>Der besondere Charakter des Widerstandes gegen die kirchliche Dominanz in der Aufklärung und der weitere Verlauf dieser Auseinandersetzung.</li>
</ol>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Meine Vermutung dazu ist, kurz gesagt: die europäische Säkularisierung ist gewachsen aus dem gesellschaftlichen Widerstand gegen die kirchliche Dominanz. Weil die so umfassend war (faktisch und ideologisch &#8211; Stichwort Monotheismus, Absolutheitsanspruch des Christentums), konnte es keinen <em>religiösen</em> Widerstand geben, sondern nur einen <em>anti-religiösen</em>, der sich nominell gegen &#8220;die Religion&#8221;, faktisch aber gegen das Christentum richtete. Eine Spätfolge davon ist das Phänomen, dass die Menschen im Augenblick zu unser aller Erstaunen wieder <em>religiös</em> werden, aber nicht <em>christlich</em>.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Dieser Widerstand gegen kirchliche Dominanz speiste sich aber &#8211; jedenfalls teilweise &#8211; aus dem christlich-jüdischen Impuls selbst (aber auch antik-heidnische und asiatische Impulse spielen eine Rolle). Nicht umsonst kamen/kommen viele Religionskritiker aus einem christlichen oder jüdischen Umfeld (Pfarrhäuser sind da recht beliebt). Die religionskritischen Impulse der Bibel sind hier auf fruchtbaren Boden gefallen, wenn auch in anderem Kontext. Das führt zu einer sehr undurchsichtigen Gemengelage.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Schließlich müsste man das Ganze auch auf der viel weniger theoretischen Ebene des Alltags, aus der Perspektive des &#8220;Volkes&#8221; durchspielen: die zwiespältigen Erfahrungen mit Kirchen (bzw. Pastoren), die einerseits Organe gesellschaftlicher Kontrolle und andererseits auch Repräsentanten von Menschlichkeit und Menschenwürde waren. Diese beiden Ebenen (Theorie und Alltag) sind aber &#8211; vor allem durch die Arbeiterbewegung &#8211; auch miteinander verbunden.</p>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Spannende Fragen sind für mich in diesem Zusammenhang:</p>
<ul>
<li>War das Bündnis von christlichem Impuls und Religion eigentlich ein Missverständnis, oder gibt es da eine Schnittmenge (und welche)?</li>
<li>Aktuell gewendet bedeutet das: ist Religion nur eine vorübergehende Gestalt des christlichen Impulses? vielleicht noch nicht einmal eine gute? Pointiert gesprochen: wieviel Religion braucht eigentlich das Evangelium? Sollten wir uns der gegenwärtigen Renaissance der Religion anschließen oder nicht? Oder wie?<br />
Das ist für mich keine rhetorische, sondern eine echte und praktische Frage!</li>
<li>Hier wäre auch nach der bleibenden Bedeutung von Bonhoeffers Prophezeiung einer kommenden &#8220;religionslosen&#8221; Zeit zu fragen. Wenn man sie als die Prophezeiung einer &#8220;christentumslosen&#8221; Zeit verstehen würde, dann wäre diese These jedenfalls nicht einfach durch die Entwicklung widerlegt.</li>
<li>Muss sich christlicher Glaube eigentlich immer in Form einer Religion organisieren? Die frühen Christen jedenfalls wurde eher als Anti-Religion wahrgenommen.</li>
<li>Ist es möglich, relgionskritische Impulse der Aufklärung wieder mit ihren biblischen Wurzeln zu versöhnen?</li>
<li>Auffällig ist schließlich, dass sich der Katholizismus in <span style="text-decoration:underline;">den</span> Ländern bis heute hält, in denen er sich über lange Zeit mit einer unterdrückten Nation verbunden hat (Polen, Irland), während er in Frankreich mit dem Ancien Regime verbunden war und sich von der Revolution nicht wieder erholt hat. Ist also für das Überleben einer Religion (oder wenigstens des Christentums) die Positionierung in gesellschaftlichen Konflikten entscheidend?</li>
</ul>
<p style="color:#000000;line-height:135%;">Tobias hat zur Diskussion eingeladen. Ich möchte das unterstreichen. Die Verhältnisse sind eine so unübersichtliche Gemengelage. Da muss einfach mehr Klarheit rein. Lasst uns hier Nachdenken investieren! Wer macht mit?</p>
</div>]]></content:encoded>
</item>
<item>
<title><![CDATA[Harry P., Neo, Frodo B. &amp; Co.]]></title>
<link>http://tiefebene.wordpress.com/2007/07/28/harry-p-neo-frodo-b-co/</link>
<pubDate>Sat, 28 Jul 2007 09:18:24 +0000</pubDate>
<dc:creator>tiefebene</dc:creator>
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<description><![CDATA[Bob Smietana hat es unternommen, über die christliche Grammatik nachzudenken, die unter der Haube de]]></description>
<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><p>Bob Smietana hat es <a href="http://www.christianitytoday.com/ct/2007/julyweb-only/130-12.0.html" title="The Gospel according to J. K. Rowling" target="_blank">unternommen</a>, über die christliche Grammatik nachzudenken, die unter der Haube der Harry Potter-Geschichten arbeitet. Dass seine Mutter sich für Harry geopfert hat, und dass die Macht des Bösen an ihrem selbstlosen Opfer ihre Grenze fand, ist schon im ersten Band als bemerkenswerter Zusammenhang deutlich geworden. Trotzdem sieht es nicht so aus, als sei irgendeiner der Akteure je in einer Kirche gewesen (allerdings muss Harry, der einen Paten hat, ja irgendwann einmal getauft worden sein).</p>
<p>Jetzt, im letzten Band, tauchen auf dem Grabstein der Mutter/Schwester von Albus Dumbledore und auf dem Grabstein von Harrys Eltern Bibelsprüche auf &#8211; wenn auch ohne Quellenangabe. Smietana zieht den Vergleich zu den Narnia-Geschichten von C.S. Lewis und Tolkiens &#8220;Herr der Ringe&#8221;. Und er schließt: &#8220;<em>Rowling begann mit Zauberern und Quidditch und Bertie Botts Every Flavor Beans, aber unterwegs begann Christus leise in die Geschichte hineinzusprechen. Und die ganze Welt hörte zu.</em>&#8220;</p>
<p>Man könnte noch viele andere Geschichten und Filme (Matrix; Wie im Himmel; Babettes Fest; Chocolat &#8211; nur als ein paar Beispiele) nennen, bei denen ähnliches passiert ist. Anscheinend kommt unsere Kultur nicht los von der großen Geschichte, die an ihren Wurzeln erzählt worden ist (ein frühes Beispiel dafür sind übriges auch viele Märchen &#8211; und einige Generationen zurück wohl Karl May!).</p>
<p>Es gibt dabei immer einen interessanten Punkt: (wie) legt der Autor/Regisseur diese Verbindung offen? In der Regel wird er einige Hinweise setzen, die die einen verstehen und die anderen überlesen. So wie die Grabinschriften bei Harry oder einige versteckte Hinweise in &#8220;Matrix&#8221; usw. Und Menschen sind wirklich verwundert, wenn sie auf diese Zusammenhänge <a href="http://kikiswelt.blogg.de/index.php?cat=Wie+im+Himmel" target="_blank">aufmerksam werden</a>.</p>
<p>Das ist faszinierend: Menschen bekommen ohne irgendwelche christlichen Unternehmungen Zugang zu Grundwahrheiten des Evangeliums, begeistern sich für Lebenseinsichten, die sehr deutlich von Jesus und seinem Weg beeinflusst sind. Lernen mit Harry Potter und all den anderen, dass es im Leben Größeres und Wichtigeres gibt, als ein braves, unauffälliges Durchschnittsleben. Dass Kampf und Abenteuer und Hingabe ein reicheres, tieferes Leben bedeuten als Konsumieren und Auf-Nummer-Sicher-Gehen.</p>
<p>Es bleibt ein bedenkenswertes Aber: kaum jemand erkennt das, was ihn bei Harry Potter u.a. begeistert hat, in den originalen Geschichten des Evangeliums wieder. Die Enkulturation des Evangelium gelingt anscheinend in Hogwards oder dem Auenland besser als in Westeuropa. Und es nützt nicht viel, den Menschen zu sagen: ihr begeistert euch in Wirklichkeit an der Geschichte und der Persönlichkeit Jesu. Selbst wenn sie es glauben: wo können sie bei uns Teil einer solchen Geschichte werden?</p>
<p>Trotzdem: dies alles zeigt, dass Gott viele Wege hat, um seine Wahrheit in den Top-Medien zu kommunizieren. Mit Frodo, Neo, Harry &#38; Co. trifft er Vorbereitungen in ganz großem Maßstab &#8211; aber wofür? Irgendwann wird hoffentlich zusammen wachsen, was zusammen gehört.</p>
</div>]]></content:encoded>
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